Naturmethode

 

Kleine Chronik der Naturmethode

 

1864, 20.11.: Hugo Heinrich Oscar Hausdörfer als Sohn des Kaufmanns Hugo Hausdörfer in Scheibenberg (Sächsisches Erzgebirge) geboren.

1878: Namentliche Erwähnung der in Eisenach (Thüringen) gegründeten Stotterheilanstalt Rudolf Denhardts. In der Zeitschrift „Die Gartenlaube“ (Nr. 13, Jahrgang 1878) ist zu lesen, daß die Anstalt auch von 870 stotternden Ausländern aus 17 Ländern aufgesucht wurde. So u.a. 335 Patienten aus Rußland, 193 aus Schweden, 80 aus der Schweiz, 57 aus Dänemark, auch 6 aus Indien und 5 aus Australien. Denhardts Heilanstalt wurde ob ihrer Erfolge bald berühmt. Seiner Verdienste wegen in der erfolgreichen Behandlung des Stotterns bekam ihr Gründer u.a. auch von Kaiser Wilhelm einen Orden verliehen.

Rudolf Denhardt stammt aus einer Stottererfamilie. Sein Vater, seine beiden Brüder und er selbst haben gestottert. In seiner Broschüre „Was ist Stottern und wie soll es behandelt werden?“ hebt Denhardt sehr nachdrücklich hervor, daß nur derjenige Stotterer behandeln kann, der selbst gestottert hat.

Die wesentlichen Merkmale der Denhardt’schen Methode werden hundert Jahre später von Willi Becker in einem Artikel im ® „Kieselstein“, 2. Jahrgang, Heft 10 (1980) wie folgt beschrieben:

·       grundsätzlich geht der Ansatz der Therapie von der Fragestellung aus, warum beim Singen nicht gestottert wird

·       tiefes Einatmen vor jedem Satz

·       nur beim Ausatmen sprechen

·       schön laute, deutliche und volltönende Aussprache der Vokale

·      weiche (für den Anfang nur andeutungsweise) Aussprache der Konsonanten, Vernachlässigung zugunsten der Vokale

·      Dehnung der ersten Silbe eines Satzes

·      Zwerchfellatmung.

·       reduzierte Sprechgeschwindigkeit.

1890: Denhardts wichtigstes Buch zum Thema Stottern erscheint unter dem Titel: „Das Stottern. Eine Psychose“.

1892: Es wird in der Zeitschrift „Med. Päd. Mschr.“ (2. Jahrgang, 1892) von einem Prozeß Rudolf Denhardts gegen einen gewissen Albert Gutzmann berichtet, den Denhardt gegen diesen verloren hat. Ursache diese Prozesses war die Anschuldigung Denhardts an Gutzmann, ihm seine Methode gestohlen zu haben. Es muß also zeitgleich mit Denhardt noch weitere Therapeuten gegeben haben, deren Behandlung des Stotterers hauptsächlich auf dem Stimmfaktor beruhte.

1895, 20.11.: Oscar Hausdörfer gründet seine eigene Sprechlehranstalt in Breslau. Bis zu seinem 20. Lebensjahr in seinem Verwandten- und Bekanntenkreis als sehr schwerer Stotterer bekannt, versuchte er, nachdem er vorher mehrere Anstalten ohne Erfolg besuchte hatte, selbst Mittel und Wege zur Beseitigung seines Stotterns zu finden und heilte sich schließlich selbst. Grundzüge der Hausdörfer-Methode:

·       Erforschung, welche Regeln der Normalsprechende unbewußt beim Sprechen verfolgt und was der Stotternde beim Singen anders macht als beim Sprechen

·       intensives Tönen durch Dehnen aller Vokale

·       Sprechgesetz: Willkürlich Ton - unbewußt, unwillkürlich Mundstellungen

·       lieber Stottern statt Schweigen und lieber Tönen statt Stottern

·       die Kunst des Phlegmas beherrschen, an (Sprech-) Ruhe denken

·       Erfolgserlebnisse sammeln, um zu positiven Gedanken zu gelangen

·       möglichst häufige Anwendung der neuen Sprechweise.

1896, 22.02: Als höchstes Dekret wird Rudolf Denhardt „in Anerkennung seiner Verdienste um die Sprachheilkunde“ von dem Großherzog C.A. von Sachsen-Weimar der Titel „Professor“ verliehen (entnommen aus „Leipziger Illustrierte Zeitung, 1905, Nr. 3222).

Das Todesdatum Rudolf Denhardts konnte vom Verfasser dieser Chronik nicht festgestellt werden. Die Folgeeinrichtung der Denhardt’schen Anstalt wird in Eisenach von seinem Schwiegersohn H. J. Knittel bis in die Zeit des zweiten Weltkrieges weitergeleitet. In der Hauptsache besteht seine Behandlung in Übungen zur Stimm- und Klangbildung.

1898: Ronald Muirden im Südwesten Englands geboren.

1911, 01.08.: Erwin Richter geboren.

1933: Oscar Hausdörfers Lebenswerk „Durch Nacht zum Licht“ erscheint in Breslau.

1938: Erwin Richter, selbst schwerer Stotterer, nimmt an einer Therapie Oscar Hausdörfers in Breslau (erfolglos) teil.

1942: Oscar Hausdörfer muß seine Anstalt wegen schwerer Erkrankung schließen.

1951: Oscar Hausdörfer stirbt in Bad Godesberg im Alter von 87 Jahren. Sein Werk wird von seiner Tochter Erna Hausdörfer noch einige Jahre nach seinem Tode in Form eines schriftlichen Fernkurses fortgesetzt.

1955: Erwin Richter wird hauptamtlicher Sprachheilpädagoge im Ambulatorium für Sprachgestörte der Sprachheilschule Cottbus.

Wesentliche Elemente der Methode Richters sind:

·       die Stimme

·       die Zwerchfellatmung

·       der weiche Stimmeinsatz

·       das sofortige Zielen auf den ersten Vokal

·       das Halten der Stimme während des ganzen Satzes

·       das entspannte langsame ruhige Sprechen

·       der betonte Sprechverlauf, wodurch jeder Satz zu einer Klangmelodie wird

·      das bewußte Mithören

·       die begleitenden Gesten.

Von Richter werden Zeit seines Lebens nebst langen Beiträgen und zahlreichen Artikeln zum Thema Stottern insgesamt sieben Bücher veröffentlicht.

1960 (ca.): Ronald Muirden beginnt mit Vorträgen und Abendkursen in London zum Thema Stottern und auch dem, was man Therapie nennen darf. Grundsätze der Muirden’schen Methode sind:

·       die Stimme „entfesseln“

·       Klang und Gewohnheit

·       die Sprechorgane sollen beim Sprechen genauso funktionieren wie beim Singen

·       Sprechumerziehung durch Umgewöhnung

·       positive Autosuggestion

·      sicheres „betont schönes“ Sprechen mit vollem Stimmklang

·       Übungen zur Klangbildung und Stimmgebung

·       willkürliche Unterteilung des Sprechens in kurze Abschnitte und gedankliche Klangeinheiten.

1971: Muirden’s Lebenswerk erscheint in London unter dem Titel „Stammering Correction Simplified“.

1975: Erna Hausdörfer stirbt im Alter von 82 Jahren.

1979: Der Angloschweizer Norman Bush, 1978 der neugegründeten VERSTA (schweizerische Vereinigung für Stotternde und Angehörige) beigetreten, lernt die Muirden-Methode durch einen in England lebenden Kollegen kennen.

1979, 16.-18.11.: Bundestreffen der Stotterer-Selbsthilfe-Gruppen in Oberthal (Saarland), bei dem u.a. Norman Bush einen Arbeitskreis zur „Muirden“-Methode leitet.

1980, Juni/ Juli/ Sep.: Drei Kapitel aus dem Buch von Ronald Muirden „Stammering correction simplified“ erscheinen von Norman Bush und Bruno Glanzmann übersetzt im „Kieselstein“, 2. Jahrgang, Heft 6,7 und 9.

1980, Juli/ August: Namentliche Erwähnung von Rudolf Denhardt in einem Artikel von Erwin Richter im „Kieselstein“, 2. Jahrgang, Heft 7/8.

1980, Oktober: Artikel von Willi Becker (St. Ingbert) in „Kieselstein“, 2. Jahrgang, Heft 10 über seinen 1943 erfolgten Besuch der Denhardt’schen Nachfolgeanstalt in Eisenach (s. 1896):

„Diese alte, einfache, ja simple Methode von Denhardt, ist die beste, weil die natürlichste Methode, zu einem normalen, symptomfreien Sprechen zu kommen, die ich innerhalb unserer Selbsthilfegruppe, im Kieselstein und nach Lesen mehrerer Fachbücher kennenlernte. Und dies ohne irgendwelche Hilfsmittel. Nur zwei Methoden gehen den gleichen richtigen Weg, die von Erwin Richter und die von Norman Bush.“

In dem dazugehörigen Postskriptum von Norman Bush steht im gleichen Heft geschrieben:

„Wenn Willi Becker von der Methode nach Richter und Bush spricht, so kann er in meinem Fall natürlich nur meinen „die von Bush angewendete Methode“, denn offiziell erfunden wurde diese Naturmethode, wie man sie wohl nennen kann, vor 90 Jahren von R. Denhardt, wenn sie nicht schon früher von Zeit zu Zeit wieder einmal neu entdeckt wurde. Was Erwin Richter betrifft, so hat er eine große Arbeit in die Erforschung der Stotterertherapie gesteckt und ist hierbei auf die natürliche Sprechtechnik, nämlich das bewußt klangvolle Sprechen als Stotterheilmittel gestoßen, wie sie von jedem Fliessendsprechenden mit gutem Selbstbewußtsein automatisch angewendet wird. Ronald Muirden schließlich hat die Methode ganz von selber und eigentlich durch Zufall wiederentdeckt, indem er durch Probieren herausfand, daß bewußt klangvolles Sprechen das Stottern zum Verschwinden bringen kann.“

Damit hat Norman Bush einer über hundert Jahre alten, immer wieder weitergegebenen und wiederaufgegriffenen Therapie erstmals ihren Namen gegeben, indem er die von mehreren Personen angewandten Methoden ähnlichen Inhaltes unter dem Namen „Naturmethode“ zusammenfaßte.

Laut Erwin Richter können alle Therapien, die die Stimmgebung und Stimmführung als Hauptheilfaktor in ihrem Programm haben, als Naturmethoden bezeichnet werden, weil die Stimme von Natur aus zum Sprechen gehört.

1981: Ronald Muirden in Exeter (England) gestorben.

1982: Roswitha Schöttke, eine ehemalige Schülerin Oscar Hausdörfers, verbreitet die Hausdörfer-Methode beim Bundestreffen in Münster.

1983: Ludwig Werle hält den ersten offiziellen „Naturmethode“-Arbeitskreis beim Bundestreffen in München. Im selben Jahr erscheint Muirden’s Lebenswerk erstmals in deutscher Übersetzung (Übertragung aus dem Englischen von Ludwig Werle) unter dem Titel „Stimmbetonte Stotterer-Behandlung“. Außerdem findet in Montabaur (Westerwald) das erste Hausdörfer-Wochenend-seminar u.a. mit Heino Witt und Roswitha Schöttke als Referenten statt.

1986: Die ersten „Hausdörfer-Wochen“ finden in Neckargerach (Baden-Würtemberg) und Wilgartswiesen (Rheinland-Pfalz) statt u.a. mit Manfred Rubba, Berthold Wauligmann und Karin Winz als Referenten. Seitdem finden regelmäßig „Hausdörfer-Wochen“ statt, woraus später jeweils zum Jahreswechsel das „Königstreffen“ hervorgeht.

1989: Erste „Hausdörfer-Woche“ auf der Insel Sylt.

1993: Muirden’s Lebenswerk erscheint in neuer Aufmachung unter dem Titel „Statt Stottern einfach richtig sprechen“ im Dengmerter Heimatverlag.

1994: Das erste Hausdörfer- und Naturmethode-Wochenendseminar findet in Münster statt mit Ludwig Werle, Berthold Wauligmann und Heinz Pier als Referenten.

1995: Gründung der Stiftung „Natürlich Sprechen laut Hausdörfer’sche Methode“ von Hausdörfer-Anhängern in den Niederlanden.

1996: In dem letzten von Erwin Richter herausgebrachten Werk, dem Lehr- und Übungsbuch „Natürliches Sprechen befreit vom Stottern“ werden alle Elemente der „Naturmethode“ zusammengefaßt. Es etabliert sich damit schnell zum „Standardwerk“ der Naturmethode.

1997: Das erste „reine“ Naturmethode-Wochenendseminar findet in Kürnbach (Baden-Würtemberg) statt mit Ludwig Werle und Peter Rusmich als Referenten.

2001: In der von der Bundesvereinigung Stotterer Selbsthilfe e.V. alljährlich herausgegebenen Seminars- und Veranstaltungsübersicht werden für dieses Jahr insgesamt neun Hausdörfer- und Naturmethode-Wochen- und Wochenend-Seminare angeboten unter der Leitung von über einem Dutzend verschiedener Referenten.

Nachtrag:

Man könnte die Reihe der Therapeuten, die in den letzten hundert Jahren alle nach Prinzipien lehrten und arbeiteten, welche heute unter Norman Bush’s Wortschöpfung „Naturmethode“ zusammengefaßt werden, mühelos um viele weitere Personen erweitern. Dazu zwei Beispiele: Ein Sprachforscher namens Kreuels schrieb in den fünfziger Jahren eine Abhandlung mit dem Titel „Das Wesen des Stotterns und die Grundzüge seiner Behandlung“, worin er die schon genannten Prinzipien der Naturmethode herausgestellt hat. Ein Sohn dieses inzwischen verstorbenen ehemaligen Stotterers betreibt seit etwa 20 Jahren in Inzell (Oberbayern) ein Sprachheilinstitut und lehrt dort die Methoden seines Vaters. In dem Buch des Amerikaners Martin Schwartz (New York) „Stammering solved“ (deutsche. Übersetzung „Stottern ist heilbar“ im Econ-Verlag 1977) will dieser die Entdeckung gemacht haben, daß der Stotterer, wenn er mit dem (schon von Rudolf Denhardt angewandten) Trick des „Anblasens“ den Initial-Tonus überwunden hat und den Stimmfluß hält, damit störungsfrei sprechen kann.

Ludwig Werle schreibt in seinem Artikel „Das Lebenswerk von Ronald Muirden“ im „Kieselstein“, Heft 5 (1997), daß Grundbausteine oder Grundprinzipien einer erfolgreichen Behandlung für Stotternde überall auf der Welt und in allen Zeitaltern gleichartig entdeckt und entwickelt worden sind. Ich möchte diese Chronik daher abschließen mit der Überschrift eines weiteren Artikels, ebenfalls aus dem „Kieselstein“, von Gerhard Schmidt: „Das Rad wird immer wieder neu erfunden!“


Quellen:

Der Kieselstein, Mitteilungsblatt deutschsprachiger Stotterergruppen, 2. Jahrgang, Heft 6 bis 10 (1980), u.a. Artikel von Erwin Richter, Willi Becker und Norman Bush

Berthold Wauligmann: Stotternde entdecken Sprechfreude, Begleitbuch zum gleichnamigen Video, Demosthenes Verlag, Köln (1996)

Berthold Wauligmann: Die Naturmethodler, unveröffentlichtes Manuskript, Münster (1996)

Ludwig Werle: Das Lebenswerk von Ronald Muirden, in „Kieselstein“, Heft 5 (1997)

Mündliche Mitteilungen von Ludwig Werle und Berthold Wauligmann

 

Literaturverzeichnis:

Rudolf Denhardt: Das Stottern. Eine Psychose, Leipzig (1890)

Rudolf Denhardt: Was ist Stottern und wie soll es behandelt werden?, Verlag Kell’s Nachfolger, Leipzig (1892)

Oscar Hausdörfer: Durch Nacht zum Licht, 4. Aufl., Breslau (1933), neu herausgegeben von der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V.

Erwin Richter: Übungsbuch zur Behandlung des Stotterns nach der Methode von Erwin Richter, Persen Verlag, Hamburg

Erwin Richter: Über die abgebremste Stimme im Symptombild und über die Bedeutung der Stimmführung in der Übungstherapie des Stotterns“, Sonderdruck aus der Zeitschrift für Heilpädagogik, Verband Deutscher Sonderschulen e.V., Heft 11, (November 1970)

Erhard Hennen (Hrsg.): Entmachtung des Stotterns, Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V., Solingen (1989)

Ronald Muirden: Stammering Correction Simplified, deutsche Übersetzung: Statt Stottern einfach richtig sprechen, Dengmerter Heimatverlag, 2. Aufl., St. Ingbert (1993)

Erwin Richter: Natürliches Sprechen befreit vom Stottern, Demosthenes Verlag, Köln (1996)

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