In diesem Kapitel werden einige der Möglichkeiten beschrieben, die Sprechängste des Stotterers und andere störende emotionale Zustände zu reduzieren.
Beim Stottern finden sich zwei Klassen von Reizen und zwar solche, die Vermeidung und solche, die das Fluchtverhalten steuern. Diese beiden Klassen komplexer Reizgruppen sind in der Lage, starke emotionale Reaktionen beim chronischen Stotterer freizusetzen. In der Desensibilisierungsphase der Therapie ist es das Ziel, die Reaktionen von ihren Reizen zu trennen. Jeder, der mit den Problemen des chronischen, voll entwickelten Stotterers beschäftigt ist, begreift bald, daß sein wahrer Erfolg von seiner Fähigkeit abhängt, den Stotterer gegenüber seinem Stottern und dessen kontrollierenden Reizen zu desensibilisieren.
In der Desensibilisierungstherapie ist es die Absicht, die Stärke der begleitenden emotionalen Erregung genügend weit zu reduzieren, damit es dem Stotterer möglich wird, neue Mittel und Wege zu erlernen, mit der Erwartung und Erfahrung gebrochener Wörter fertig zu werden.
Die Rolle des Therapeuten
Der Therapeut strebt nicht danach, daß der Patient mit ihm immer ohne jegliches Stottern sprechen kann. Wenn es das Ziel wäre, dem Stotterer lediglich vorübergehend etwas flüssiges Sprechen zu ermöglichen, das vollkommen frei von jeglichem Stotterverhalten ist, dann könnte dies ohne Anwendung irgendwelcher Desensibilisierungstherapie erreicht werden. Für das Verlernen und Lernen, das erforderlich ist, wenn nachhaltige Fortschritte gemacht werden sollen, werden Stotterereignisse, Angst und Frustration gebraucht, aber auf einem Häufigkeits- und Schwereniveau, das Modifikation erlaubt.
Wie desensibilisiert wird: Das Erkennen der negativen Emotionen
Aufbau von Hierarchien
Hauptzweck ist es, die Hierarchie so aufzubauen, daß, während jeder Punkt wieder und wieder erfahren wird, die damit verbundene Emotionalität nicht verstärkt, sondern stattdessen gelöscht wird. Indem wiederholt an einer Aufgabe gearbeitet oder sich einer Gruppe unangenehmer Reize gestellt wird, soll die Angst, die sie hervorruft, fast auf Null absinken.
Desensibilisierung ist der Prozeß der Reaktionsvorbeugung, des graduellen Aufbaus von Barrieren gegen autonome Störungen. Sie ist im Wesentlichen ein Abhärtungsprozeß.
Die Desensibilisierung schafft ein Mittel, mit der emotionalen Zerissenheit fertig zu werden, die den Fortschritt beim Erlernen einer besseren Art des Stotterns hemmt.
Ziel der Desensibilisierungstherapie
Das erste Merkmal des Stotterproblems, das die Anwendung der Desensibilisierung erforderlich macht, ist die Konfrontation mit der Störung selbst. Die meisten Stotterer haben im fortgeschrittenen Stadium anfängliche, (wenn auch vorübergehende) Schwierigkeiten, der Realität ihres abnormen Sprechverhaltens ins Auge zu sehen. Wenn sie konnten, sind sie immer vor der Selbstprüfung geflüchtet. Wenn es ihnen möglich war, haben sie sich verstellt und die Tatsache, daß sie stotterten, versteckt. Eine gewisse Verleugnung scheint immer vorhanden zu sein.
Das zweite Hauptprojekt der Desensibilisierungstherapie ist, was als das Kernverhalten bezeichnet wird. Die Erfahrungen, sich in einer Fixierung blockiert zu fühlen oder zwanghaft in einem repetitiven Verhalten zu oszillieren, sind für den Stotterer extrem traumatisch. Sie lösen Gefühlsausbrüche aus und stellen die ursprünglichen Quellen für viele Ängste und Frustrationen des Stotterers dar. Es ist daher erforderlich, alles zu tun, um den Patienten gegenüber dieser grundlegenden Erfahrung zu desensibilisieren.
Desensibilisierung gegenüber Zuhörerreaktionen
Ein weiterer Hauptschwerpunkt der Desensibilisierungstherapie ist die Verletztlichkeit des Stotterers gegenüber dem Streß, der durch den Zuhörer verursacht wird.
Nach ein paar Erfahrungen in Desensibilisierung sieht es so aus, als ob der Stotterer lernt, daß er dem Druck seitens seiner Zuhörer nicht nachzugeben braucht.
Das formelle Desensibilisierungsverfahren wird in erster Linie auf drei Ziele gerichtet: Konfrontation der Abnormität, Tolerierung der Fixierungen und Oszillationen und Widerstand gegen kommunikativen Streß und Strafen seitens der Zuhörer.
Gegenkonditionierung
Die meisten Desensibilisierungsverfahren in der Stottertherapie beinhalten viel mehr als einfach wiederholt unangenehmen Reizen ausgesetzt zu sein; eine gewisse Gegenkonditionierung ist ebenfalls erforderlich. Es soll versucht werden, eine andere angsthemmende Reaktion demselben Reiz gegenüberzustellen, der gewöhnlich die Angst hervorruft. Dies ist das Prinzip der reziproken Hemmung.
Der Therapeut als Gegenkonditionierer
Die Konfrontation mit seinem Stottern ist für den Stotterer nicht so inakzeptabel, wenn der Therapeut es akzeptiert.
Der Stotterer hungert nach vielem mehr als bloß nach Nahrung. Er hungert nach Akzeptanz und Kameradschaft, nach einem guten Zuhörer, nach Hoffnung, nach Anleitung, und wenn eines davon angeboten wird, nährt er sich gierig davon. Der Therapeut liefert diese „Seelennahrung“ und tut dies in genau dem Moment, in dem die alten angstauslösenden Reize präsentiert werden. Hier liegt viel an der sogenannten Kunst des Therapeuten.
Selbstsichere Reaktionen
Stark selbstsicheres Verhalten kann Angst aktiv hemmen.
Der Stotterer soll dazu gebracht werden, mit dem Vermeiden aufzuhören, nicht mehr aufzuschieben oder zwiespältig zu sein und die Wörter und Situationen, die er fürchtet, anzugehen. Als Vorbilder tritt der Therapeut dem Problem selbstsicher gegenüber. Er hilft dem Stotterer zu lernen, den unterbrechenden Streß der verzögerten auditiven Rückkopplung zu besiegen; er lehrt ihm, absichtlich zu stottern.
Enthemmung
Manche Stotterer, vielleicht die Mehrzahl von ihnen, zeigen viel Hemmungsverhalten. Sie müssen von dieser ständigen Last des Gehemmtseins befreit werden; selbstsicheres Verhalten löst die Hemmungen.
Durch Verwendung einer Desensibilisierungshierarchie kann selbstsicheres Verhalten entwickelt werden. In der Tat besteht einer der Vorteile der Verwendung selbstsicheren Verhaltens zur Gegenkonditionierung darin, daß es womöglich von Natur aus operant ist. Es hat eine instrumentelle Wirkung. Indem die Verstärkungen sorgfältig abgestuft werden, kann selbstbewußtes Verhalten entwickelt, geformt und durch Selbstgespräche unter Eigenkontrolle gebracht werden.
Es wurde dabei empfohlen, eine neue Art des kräftigen, selbstbewußten Sprechens größerer Lautstärke (nicht in dem Ausmaß, daß es auffällig war) sowie langsames und bestimmtes Sprechen zu verwenden.
Die Benutzung einer kräftigen Sprechweise befreit von Blockaden und fördert das sich Nichtkümmern um die Reaktion des Zuhörers. Er hat zu warten, bis der Stotterer seine Wörter herausbekommen hat.
Systematische Desensibilisierung durch Entspannung
Van Riper kommt zu dem Schluß, daß weder entspannungsfördernde Medikamente noch hypnotische Suggestion einer Stottertherapie von Nutzen sind.
Er muß allerdings auch berichten, daß er - obwohl er nicht mehr versucht, den Stotterer darauf zu trainieren, entspannt zu sein, wenn er sich vor dem Sprechen fürchtet oder zu sprechen versucht - festgestellt hat, daß er tatsächlich entspannt wird, sobald die Therapie greift. Während der Stotterer lernt, flüssig und ohne seine früheren Anstrengungs- und Vermeidungsreaktionen zu stottern, nehmen seine früheren Spannungszustände deutlich ab: Die Entspannung sollte ein Nebenereignis sein, nicht das Werk selbst; es sollte als Ergebnis erfolgreicher Bewältigung eintreten und nicht als Mittel zu Bewältigung.
Pseudostottern in der Desensibilisierung
Pseudostottern, manchmal vom Stotterer als unechtes Stottern bezeichnet, wird als Technik diskutiert, um eine Abnahme der Angst und eine Verminderung der Wort- und Situationsängste zu erzielen, wobei die „tonischen Stotterer“ weniger Vorteile daraus ziehen, als diejenigen, deren Stottern in erster Linie aus Silbenwiederholungen besteht.
Van Riper verwendet Pseudostottern zuerst bei der Desensibilisierung und später als Mittel, um den Stotterer eine flüssige Form des Sprechens zu lehren.
Die meisten fortgeschrittenen Stotterer haben das Vermeiden fast zu einem Beruf gemacht, in dem sie sehr ausgeklügelte Rituale entwickelt haben, um zu verhindern, daß ihr Stottern erkannt wird. Leider trägt das Vermeiden nicht dazu bei, die Ängste abzuschwächen.
Vor der Anwendung von Pseudostottern muß sichergestellt werden, daß die Art des Stotterns, die zuerst eingesetzt wird, dem Stotterer nicht übermäßig traumatisch ist. Außerdem wird sichergestellt, daß der Stotterer sein unechtes Stottern nicht bei gefürchteten Wörtern einsetzt. Es wäre unklug, den Stotterer aufzufordern, seine Abnormität freiwillig zu zeigen, bevor er ihr gegenüber nicht etwas desensibilisiert worden ist.
Pseudostottern als Selbstoffenbarung
Der Stotterer erfährt eine große Erleichterung, wenn er freiwillig die stotternde Seite seines Ichs offenbart, indem er absichtlich Verhaltensweisen auf sich nimmt, die er sehr hartnäckig und erfolglos zu verbergen versucht hat.
Mißbrauch der Pseudostotterns
Van Riper sieht keinen Nutzen in der wahllosen Anwendung des Pseudostotterns. Es sollte für einen bestimmten Zweck eingesetzt werden, den der Stotterer voll und ganz versteht.
Sobald sie in der Lage sind, das nachgeahmte Stottern ohne Gefühlsaufwallung zu ertragen, fühlen sie sich weniger unglücklich, wenn das „echte“ Stottern auftritt. Sie stellen fest, daß sie nicht mehr so stark vermeiden und daß ihre Anstrengungen weniger schwer sind. Sie sind desensibilisiert geworden.
Adaption
Für diejenigen Stotterer, die ständig Synonyme, Verzögerung und Verstellung benutzen, wann auch immer die entfernte Möglichkeit des Stotterns besteht, die also chronische Vermeider sind, für die kann eine Periode ständigen Stotterns, ein sogenanntes „Stotterbad“ in einem überraschenden Ausmaß zu einer Reduzierung der Angst führen.
Nichtbestätigung ist das beste Mittel, Angst zu löschen, das der Mensch bis jetzt entdeckt hat.
Nichtverstärkung
Eine weitere Methode, spezielle Wortängste zu löschen, besteht darin, daß der Stotterer bestimmte Wörter, bei denen er stottert, immer und immer wieder sagen muß, bis er sie alle flüssig spricht und dann lauter und immer lauter, bis ein bestimmtes Kriterium - etwa drei oder fünf aufeinander folgende flüssige Versuche - erreicht ist. Bei der Mehrzahl der Stotterer zeigt sich ein offensichtliches Abklingen der Angst bei den Wörtern, an denen so gearbeitet worden ist.
Negative Suggestion und Reizüberflutung
Die Verwendung der negativen Suggestion durch den Therapeuten und den Stotterer selbst kann zu einer überraschenden Verminderung der Ängste führen. Sie sollte aber nur angewendet werden, wenn ziemlich sicher ist, daß der Stotterer ihr widerstehen kann.
Bei dieser reaktionsverhindernden Art ist es wichtig, daß der Stotterer lernt, nicht nur die vom Therapeuten forcierte negative Suggestion sondern auch seine eigene Selbstsuggestion herannahenden Elends anzuzweifeln. Die Realität ist nie so schrecklich, wie man sie sich ausmachen kann, und selten so unangenehm, wie man sie sich gewöhnlich vorstellt.
Reaktionsverhütung
Ein großer Teil der Abnormität des Stotterns besteht aus Fluchtreaktionen, die an die Erfahrung von Blockaden oder Silbenwiederholungen konditioniert sind.
Aufgabe ist es, unter Verwendung der Methode des Vorbilds und des Pseudostotterns den Stotterer dazu zu bringen, diese als Kernverhaltensweisen bezeichneten Reize zu erfahren und ihn daran zu hindern, auf die alte abnorme Art und Weise auf sie zu reagieren.
Adapation mit negativer Suggestion
Sobald der Stotterer sich daran gewöhnt hat, intensive Angst zu erfahren, ohne daß primäre Verstärker (echtes Auftreten der gefürchteten Reize) vorhanden sind, nimmt ihre Angst vor ihren Vorstellungen ab, sobald sie begreifen, daß ihnen eigentlich nichts geschieht. Diese Verminderung der Angst überträgt sich auf die eigentlichen gefürchteten Reize, und die auf diese konditionierte Angst verschwindet.
Wenn der Stotterer so weit gebracht werden kann, daß er sein Stotterverhalten ohne die damit einhergehende Emotionalität erfährt, wird ihm sehr geholfen. Viele Leute, die sich mit der Störung befassen, haben nicht erkannt, daß Stottern selbst ein Reiz ist. Sie betrachten es nur als eine Reaktion auf vorhergende Hinweisreize. Aber ein großer Teil der Emotionalität des Stotterns ist direkt mit dem Verhalten selbst verbunden.
Adaption an Streß
Wenn es die Beständigkeit des Unangenehmen ist, die für den Aufbau der Anpassungsbarrieren so entscheidend ist, könnte man in der Lage sein, die Ängste des Stotterers dadurch zu reduzieren, daß im eine Umwelt geschaffen wird, in der kommunikativer Streß nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist. Untersuchungen über Stotterer, die „spontan“ ohne Therapie von ihrer Störung geheilt wurden, zeigen, daß u.a. eine der wichtigsten Faktoren war, daß sie sich in Situationen befanden, in denen sie viel sprechen mußten, oftmals unter extremem Streß. Dieses Anpassungstraining scheint für die Stotterer am nutzbringensten zu sein, die ihre Störung als besonders schamvoll ansehen.
Die Ausschaltung anderer Quellen der Angst
„Wir, die wir stottern, müssen lernen, ein besseres Leben zu führen als Normalsprechende, und sei es nur, um uns davor zu bewahren, daß wir unsere Stotterängste verstärken. Selbst nachdem wir gelernt haben, flüssig zu sprechen und zu stottern, können wir nicht zulassen, daß andere Quellen von Schuldgefühlen, Feindseligkeiten oder Angst zu Auslösern des Stotterns werden.“
Beruhigung
Wenn der Therapeut als Vorbild zeigt, daß Stottern toleriert werden kann, oder demonstriert, daß die Ängste des Stotterers zum guten Teil übertrieben sind, dann werden die Ängste des Stotterers abnehmen.
Dem Stotterer wird das unbedingte Interesse des Therapeuten an ihrem Wohlergehen vermittelt. Der Stotterer weiß, daß er nicht länger allein ist und diese besondere Art der Beruhigung ist einer der stärksten Dämme gegen negative Emotionen, der jemals erfunden wurde.
Die angstreduzierende Modifizierung des Stotterns
Die beste Methode, die Ängste des Stotterers und andere negative Emotionen zu reduzieren, besteht darin, ihm zu helfen, eine neue Art des Stotterns zu erlernen, die nicht die Strafen und Frustrationen hervorruft, die die Hauptursachen seines Elends sind. Alles, was in diesem Kapitel beschrieben wurde, dient dem Zweck, dieses Lernen zu vereinfachen.
Flüssig Stottern zu lernen ist eine schwierige Lernaufgabe. Umso mehr muß der Stotterer zunächst so gut es geht desensibilisiert werden.