Um zu einer kritischen Würdigung der Hausdörfer-Methode zu gelangen, kommt man nicht umhin, sich mit seinem Haupt- und zugleich Lebenswerk, dem Buch „Durch Nacht zum Licht“ näher zu beschäftigen. Denn Oscar Hausdörfers Sprechheilanstalt ist schon seit über einen halben Jahrhundert geschlossen, er selbst und auch die meisten Zeitzeugen und ehemaligen Patienten seiner Anstalt sind inzwischen nicht mehr unter den Lebenden. Besagtes Buch ist unter der heutigen Flut an theoretischer Literatur zum Thema Stottern immer noch fast einzigartig. Denn es besticht, dem theoretischen Inhalt zum Trotz, durch seine klare, einfache Sprache und kommt dabei weitestgehend ohne Fremdwörter und wissenschaftliche Zitate aus. Was blieb Hausdörfer als Autodidakt und von daher im strengeren Sinne „Laie“ auf dem Gebiet der Sprachforschung beim Verfassen seines Buches auch anderes übrig. Zur Erinnerung: Oscar Hausdörfer ist kein studierter, staatlich anerkannter Sprachtherapeut gewesen, sondern tatsächlich gelernter Apotheker, ehemals schwerer Stotterer, der auf eigene Faust Mittel und Wege zur Beseitigung seines Stotterns gesucht und gefunden hatte. Man könnte zur einfachen Sprache seines Schreibstils deshalb auch bissig sagen: Aus Unvermögen hat er eine Tugend gemacht. Vielleicht ist gerade dies das Geheimnis seines Erfolges und gleichzeitig auch seiner Anfeindungen von wissenschaftlicher Seite.
Worum geht es in „Durch Nacht zum Licht“? Um das Sprechgesetz, das Hausdörfer allen ehemaligen und zeitgenössischen Sprachforschern zum Trotz meint, als einziger entdeckt zu haben: Willkürlich Ton – unwillkürlich Mundstellung. Auf diesem Sprechgesetz baut er zusammen mit dem psychologischen Aspekt des Stotterns als Fundament seine ganze Methode auf: "Wer ist vom Stottern befreit? Derjenige, der sich von keinem Menschen und in keiner Situation aus der Ruhe und als Folge aus dem Hören und Tönen bringen läßt wie beim Singen" (S. 92, diese und folgende Zitate beziehen sich auf die im Demosthenes Verlag erschienene Faksimileausgabe der 4. Auflage von „Durch Nacht zum Licht“ von 1933).“ Doch der Reihe nach.
Zu Beginn des Buches beschreibt Hausdörfer in eindringlicher Weise den Leidensdruck eines Stotterers. Niemand muß wohl diesen Leidensdruck stärker empfunden haben, als Hausdörfer selbst. Woher sonst hat er für seine Lebensaufgabe, der "Erforschung des Stotterns", soviel Energie gewonnen? „Durch 45 jähriges fanatisches Forschen, Grübeln und Beobachten ist es mir gelungen, immer tiefer in das wahre Wesen des Stotterns einzudringen und Glied an Glied zu reihen, bis ich mit dem letzten Glied die Kette schloß, welche die vollständige Erkenntnis dieses Leidens und seiner Heilung bildet“ (S. 5). Vorab hatte er sich sogar zwecks strengstem Sprechübungshaltens zeitweilig von seinem erlernten Beruf beurlauben lassen: „Ich gab die Stellung auf für längere Zeit, um ungestört und regelmäßig mit Hilfe mir bekannter Sprechlehrbücher an meiner Heilung arbeiten zu können. [...] Ganz zurückgezogen von der Welt und dem Verkehr mit Menschen war ich den ganzen Tag nur stets mit mir beschäftigt. [...] Sieben Monate führte ich die Übungen durch“ (S. 23). Drängt sich dem Leser hier nicht die Frage auf: Wie verbissen und stur muß ein solcher Mensch gewesen sein?
Der erste Teil des Buches handelt von einem fiktiven Gespräch Hausdörfers mit einem Gelehrten, der ihm „den Weg zu einer dauernden Befreiung unwiderlegbar klar machte“ (S. 27). In diesem Teil wird die Grundthese der ganzen Hausdörfer-Methode aufgestellt: „Es gibt gar keine Buchstaben und Worte in der Sprache, demnach kann man auch nicht lernen, sie zu sprechen; ebenso wenig wie man Noten singen kann“ (S. 29). Hausdörfer läßt im weiteren Verlauf seines Buches nichts unversucht, ständig mit dieser These auf den Leser einzuhämmern. Er rechtfertigt diesen sich endlos wiederholenden Stil im Vorwort folgendermaßen: „Mein ganzes Werk besteht nur aus Aufklärungen und Suggestionen, und wer das Wesen der Suggestion kennt, wird und kann sich niemals an den von mir beabsichtigten und gewollten Wiederholungen stoßen“ (S. 3). Die Frage nach dem wissenschaftlichen Anspruch des Buches beantwortet sich damit an dieser Stelle von selbst. Oder besser gesagt: Stellt sich erst gar nicht. Ein wissenschaftlicher Anspruch wird von einem Autoren, der selbst zugibt, sich in seinem Werk weniger um einen systematischen Aufbau als um Suggestionen zu kümmern, gar nicht beabsichtigt. Schauen wir uns im folgenden diese Suggestionen etwas genauer an.
Hausdörfer beschäftigt sich im zweiten (Haupt-) Teil seines Buches intensiv mit dem Problem, das Stottern – unter Vernachlässigung des symptomatischen Aspekts - von der psychologischen Seite zu behandeln. Hier liegt meines Erachtens die eigentliche Stärke des Buches. Beispiele gefällig: „Alle Erscheinungen des Stotterns [...] sind nur die Symptome, die Auswüchse des Sprechleidens; aber nur mit der Ausrottung der Wurzel kann man für immer die wilden Triebe beseitigen“ (S. 63). „Der normalsprechende Mensch stottert deshalb nicht, weil er sein Sprechen nicht ängstlich beobachtet“ (S. 65). „Der Stotterer leidet an Sprechfehlerempfindlichkeit, aber an einer falschen. Jeder Fehler, jede Störung beim Sprechen tut ihm weh, ist ihm peinlich; deshalb lebt er in steter Sorge und Angst vor ihnen“ (S. 67). „Was hat der Sprechleidende zu machen, damit seine Empfindlichkeit verschwindet? Er (der Stotternde) muß allmählich lernen, sich nicht mehr über sein Stottern, das doch nur eine Folge der Erregung ist, zu ärgern, also gleichgültig, unempfindlich zu werden“ (S. 88). Zu einer Zeit, als – mag man Hausdörfer Glauben schenken - seine meisten Zeitgenossen unter einer Stotter-Therapie die ausschließliche Behandlung der reinen Stottersymptomatik verstanden, kann dies durchaus als ein innovativer Schritt angesehen werden. Problematisch wird es allerdings, wenn Hausdörfer sich (wieder einmal) seinem Sprechgesetz zuwendet (zur Erinnerung: Willkürlich Ton, unwillkürlich Mundstellung). Lange Zeit ließ er den Leser mit dieser strammen Behauptung allein. Endlich, in den Abschnitten „Die Schrift und das Buchstaben-Alphabet“ und „Die Sprache und das Lautalphabet“ (S. 100), meines Erachtens der Schlüssel zum Verständnis des ganzen Buches, geht er näher darauf ein. Hausdörfer nimmt hier eine ebenso schlichte wie rigorose Trennung zwischen Schrift (verkörpert durch das Wort) und Sprache (verkörpert durch den Laut) vor: „ Was ist Schrift? Ein Etwas, womit wir unsere Gedanken sichtbar machen. Buchstaben und Worte kommen nur in der Schrift vor und sind nur zu schreiben und zu sehen, also niemals zu sprechen und zu hören. Was ist Sprache? Ein Etwas, womit wir unsere Gedanken laut, also hörbar machen können. Woraus besteht dieselbe? Aus Lauten. Was sind Laute? Einfach geformte Töne.“ Hausdörfer unterscheidet des weiteren zwischen Lauten = einfach geformten Tönen und Mehrlautern = mehrfach geformten Tönen und kommt zu folgendem Schluß: „Es kann demnach kein Schreibwort und gleichzeitig ein Sprechwort geben oder einen Schreibbuchstaben und einen Sprechbuchstaben.“ Klingt bis jetzt ganz logisch, oder? Nur, was hat das ganze jetzt eigentlich mit dem Stottern zu tun? Nun, ganz einfach. Gemäß Hausdörfer liegt gerade hier das Übel des Stotterns begraben. „Warum bist du Stotterer geworden? Erstens durch dein Buchstaben = Mundstellungen Sprechenwollen und zweitens durch Ärger“ (S. 106). „Dem Stotterer muß klargemacht werden, daß es keine Buchstaben gibt, daß nur der Ton die Sprache ist“ (S. 42). Hier hat Hausdörfer meines Erachtens übers Ziel hinausgeschossen. Was ist mit den Menschen , die sich um (angeblich schwere) Buchstaben nicht (mehr) kümmern und trotzdem stottern? Was ist mit den Analphabeten unter den Stotterern?
Warum stottert der Chinese nicht in seiner Sprache?
Einen deutlichen Beleg dafür, daß Hausdörfers Sprechgesetz gewaltig hinkt, bietet allerdings schon das Kapitel „Warum stottert der Chinese nicht in seiner Sprache?“ (S. 78): „Weil der Chinese durch die Eigenart seiner Sprechweise gezwungen wird, das Sprechgesetz auf das allerstrengste zu befolgen. [...] Jedes Wort des Chinesischen besitzt seinen eigentümlichen Ton, der ihm unzertrennbar anhaftet. [...] Die chinesische Schrift ist Wortschrift, d.h. jedes einzelne Schriftzeichen stellt ein Wort dar [...] wie wir daraus ersehen, kennt der Chinese keine Buchstaben, deshalb kann er auch keine sprechen wollen. [...] Außerdem muß er das Sprechgesetz auf das allerstrengste befolgen – also ganz energisch den Ton willkürlich bilden und ihn genau hören, wie wir es beim Singen gewohnt sind, somit fehlen ihm die Bedingungen zum Stottern.“ Bedauerlicherweise (für Oscar Hausdörfer) stottern Chinesen aber trotzdem in ihrer Sprache; und zwar nicht zu knapp. Obwohl sie dies, die Richtigkeit Hausdörfers Sprechgesetz vorausgesetzt, eigentlich gar nicht dürften. Freunde der Hausdörfer-Methode mögen mir diese Spitzfindigkeiten verzeihen. Es liegt mir fern, (nur allzu menschliche) Fehler in einem Buch mit der Lupe zu suchen und zu brandmarken. Aber ein selbst ernannter Sprachtherapeut, der so vermessen ist, zu behaupten, seine Stottertherapie sei die "einzig richtige, natürliche und unfehlbare [...] Nichts ist gut, das nicht natürlich ist [...] Jeder andere Weg muß ohne Ausnahme als Probiererei bezeichnet werden" (S. 3 u. 89) muß sich solche Vorwürfe gefallen lassen.
„Warum stottert der Chinese nicht in seiner Sprache?“ Wie ist Hausdörfer überhaupt zu dieser irrigen Annahme gekommen? Hatte er sich damals falsch informiert oder gar einen Bären aufbinden lassen? Mitnichten! Tatsächlich handelte sich damals um einen weitverbreiteten Irrglauben innerhalb der deutschen Stottertherapie-Landschaft. Kurze geschichtliche Bemerkung am Rande: Erst nachdem am Ende des 19. Jahrhunderts die chinesische Küste in den Mittelpunkt kolonialer (und damit auch deutscher) Interessen gerückt ist, begann man sich auch in Deutschland (zwangsläufig) näher mit der chinesischen (Sprach-) Kultur zu befassen. Vorher wußte man in Deutschland noch nichts von dem Vorkommen des Stotterns unter den Chinesen. Wohl aber wußte man um den „Singsang“ der chinesischen Sprechweise und konnte sich deshalb ein Stottern in dieser Mundart nicht vorstellen. Rudolf Denhardt gebührt die Ehre, mit diesem Vorurteil ein für allemal aufgeräumt zu haben: „1890 wußten die Gutzmann’s noch nichts von dem Vorkommen des Stotterns unter den ostasiatischen Völkern, das die Autoren bis dahin ausdrücklich zu leugnen pflegten. In demselben Jahr habe ich diesem von Buch zu Buch fortgepflanzten Märchen ein Ende bereitet“ (Rudolf Denhardt, Wahrheit und Verleumdung in der Stotternheilkunde, Berlin 1893, S. 2; er bezieht sich dabei auf sein Buch „Das Stottern. Eine Psychose“, Leipzig 1890, S. 283). Besagter Albert Gutzmann, Taubstummenlehrer und zugleich streitbarer Stottertherapie-Konkurrent von Denhardt, beeilte sich dann auch sogleich, Denhardts neue Erkenntnisse in seine Lehre zu übernehmen. Denhardt und Gutzmann waren übrigens nicht irgendwer, sondern gehörten Ende des 19. Jahrhunderts zu den (weit über den Landesgrenzen hinaus) bekanntesten und in den damaligen Fachblättern häufig zitierten Sprachtherapeuten in Deutschland. Wer sich in dieser Zeit intensiv mit dem Thema Stottern beschäftigt hat, ist um ihre beiden Lehren nicht herumgekommen. Und trotzdem will Hausdörfer von stotternden Chinesen nichts gewußt haben? Derselbe Hausdörfer, der behauptet, „über 20 Sprechheilbücher gelesen zu haben“ (S. 64)? Obwohl er von 1890 an bis zum Erscheinen der 4. Auflage von „Durch Nacht zum Licht“ im Jahre 1933 über 40 Jahre Zeit gehabt hat, seinen Wissensstand zu aktualisieren? Obwohl er in „Durch Nacht zum Licht“ keine Gelegenheit ausläßt, gerade die Methoden von Denhardt und Gutzmann anzugreifen, sich von daher auch mit deren Werken auseinandergesetzt haben sollte? Obwohl er in „Durch Nacht zum Licht“ selbst zugibt, „Das Stottern. Eine Psychose“ gelesen zu haben (S. 66)? Die Vermutung liegt nahe, daß Hausdörfer sehr wohl von stotternden Chinesen gewußt haben muß. Warum gaukelt er dem Leser dann längst überholte Tatsachen vor? Ich glaube, weil sich diese so aalglatt in das Gesamtkonzept seiner Methode einfügen. Weil er um der Stimmigkeit seines Sprechgesetzes willen nicht in Erklärungsnöte kommen wollte. Er wäre wohl auch in diesem Fall um keine Antwort verlegen gewesen. Aber wäre dies nicht auf Kosten der schnörkellosen, scheinbar so einfachen Botschaft seiner Methode gegangen? Dem unkritischen, begeisterungsfähigen Leser würden diese Schwächen in Hausdörfers Buch schon nicht weiter auffallen. Doch muß der kritische Leser sich nicht spätestens an dieser Stelle für dumm verkauft vorkommen?
Behandlung der Stottersymptomatik
Wie hat es Oscar Hausdörfer eigentlich mit der Behandlung der Stottersymptomatik gehalten? Immerhin wird sein Name heutzutage (immer noch) gerne mit dem „intensiven Tönen“ in Verbindung gebracht. Intensives Tönen durch Dehnung eines jeden Vokals, was ein extrem verlangsamtes Sprechtempo zur Folge hat. Ich bin bei genauerer Beschäftigung mit „Durch Nacht zum Licht“ neugierig gewesen, ob es in Hausdörfers Buch detailliertere Angaben zum Thema „Tönen“ gibt. Um es vorwegzunehmen: Gefunden habe ich dazu sehr wenig. Wohl wird auf dem Zauberwörtchen „Tönen“ immer wieder herumgeritten. Wie Hausdörfer sich die genaue Umsetzung des „Tönens“ in den praktischen Gebrauch vorstellte, bleibt er dem Leser (mal wieder) schuldig. Überhaupt: Derjenige Leser, der in Hausdörfers Buch präzise Anleitungen zum täglichen Üben erhofft, wird weitestgehend enttäuscht werden. Ein Verehrer Oscar Hausdörfers hatte einmal im Kieselstein (20. Jhrg. 1998, Heft 12) geschrieben, Hausdörfer hätte „Durch Nacht zum Licht“ (nebst anderen Werken) aus der Notwendigkeit heraus geschrieben, Stotterern, die aus finanziellen oder dienstlichen Gründen nicht zur Therapie in seine Sprachheilanstalt kommen konnten, anderweitig Hilfe anzubieten; quasi als schriftlichen Unterricht. Dieser Vermutung kann ich mich nicht anschließen. Dafür gibt „Durch Nacht zum Licht“ didaktisch viel zu wenig her. Stattdessen konnte ich mich, je länger ich das Buch gelesen habe, des Eindrucks nicht erwehren, daß Hausdörfer hier wohl eher eine (zugegebenermaßen relativ dicke) Werbebroschüre, eine Art Aufforderung zum Besuch seiner privaten Sprechlehranstalt in Breslau geschrieben hatte: „Aber auch der Willensschwache, Nervöse kann schneller sein Ziel erreichen, wenn er meine Anstalt besucht, wo er stets unter Zwang und Aufsicht steht und täglich sechs Unterrichts- und Übungsstunden hat“ (S. 139).
„Durch Nacht zum Licht“: Eine Werbebroschüre?
Es ist vor allem der forsche Schreibstil Hausdörfers (der Leser meines Artikels hat Gelegenheit, sich anhand der aufgeführten Zitaten selbst davon zu überzeugen), der in mir diesen Verdacht aufkommen ließ. Hausdörfer gelingt es mit diesem eindringlichen, teilweise dogmatischen und kompromißlosen Stil den unkritischen Leser wohl zu vereinnahmen, den kritischen Leser zunächst einmal zumindest zu interessieren. War er sich dessen bewußt, dabei teilweise etwas zu dick aufzutragen? Immerhin beeilt er sich bereits im Vorwort seines Buches, etwaigen Kritikern von vorn herein den Wind aus den Segeln zu nehmen: „Sollte jemandem meine sichere, oft selbstbewußte Schreibweise nicht gefallen, die ich manchmal mit Absicht nicht vermieden habe, und mir dafür Selbstlob und Überhebung vorwerfen, so möge er bedenken, dass ein Suggestor dem Schüler, der zu Zweifeln ohnehin geneigt ist, zu letzteren keine Ursache geben darf. Seine Ausführungen müssen vielmehr in einer bestimmten, über allem Zweifel erhabenen Form vorgetragen werden. Überdies zwingt mich meine innerste Überzeugung zu meinen bestimmt gehaltenen Behauptungen“ (S. 4). Der forsche Schreibstil von Hausdörfer mag meiner Ansicht nach auch andere, kommerzielle Ursachen gehabt haben. Als Gründer und Inhaber einer privaten Sprechheilanstalt war Hausdörfer natürlich auf zahlende Kunden angewiesen. Andererseits war seine Stottertherapieschule aber nicht die einzige im Lande: Die Konkurrenz, vor allem die staatlich anerkannte, war groß. Und wo es Hausdörfer an wissenschaftlichen Zitaten mangelte, waren ihm stramme Behauptungen als Werbemittel durchaus willkommen. Immerhin widmet Hausdörfer seinem Buch ein ganzes Kapitel, um gegen besagte Konkurrenz verbal vorzugehen („Kritik über die bisherigen Methoden“, S. 89).
Ich möchte in diesem Zusammenhang noch einmal zu den mangelnden Angaben in „Durch Nacht zum Licht“ bezüglich einer Behandlung der reinen Stottersymptomatik zurückkommen. Wie konnte Hausdörfer auf diesen Aspekt auch näher eingehen, wenn er genau diesen Punkt, die ausschließliche Behandlung der Aussprache, seinen Kollegen ständig vorgehalten hat? Er hätte sich selbst widersprochen. Und trotzdem: Wenn Hausdörfer seine Patienten wirklich „geheilt“ haben will, muß er dann nicht ebenfalls auch an der Aussprache gearbeitet haben? Muß er dann nicht das „Tönen“ als eine Art Sprechhilfe (oder Modifikationstechnik, wie man es auch immer nennen mag) eingesetzt haben? Hausdörfer ist sich dieses Widerspruches seines Buches durchaus bewußt. Was macht er, um etwaige Kritiken vorzubeugen? Auch hier tritt er (wie so oft) selbstbewußt die Flucht nach vorne an: „Sollte nun ein Leser meines Werkes herausfinden, daß auch ich im gewissen Sinne am Sprechen arbeite, so sage ich ihm, daß er dann meine Ausführungen noch nicht verstanden hat. Also studiere, bis Du sie verstehst“ (S. 90). So einfach ist das also. Ich glaube, ein billigeres Gegenargument wäre mir an Hausdörfers Stelle auch nicht eingefallen. Könnte es sein, daß er seine Behandlung der Stottersymptomatik nur mit anderen Worten benennt, um seine Methode künstlich aufzuwerten? Wäre er noch am Leben, ich hätte ihm zu gerne die Frage gestellt. „Lieber Herr Hausdörfer! Haben Sie ihre eigene Methode eigentlich selbst verstanden?“
Fazit: Der Streitfall Hausdörfer
Der Leser möge mir meine letzte provokative Frage verzeihen. Denn so abwegig ist sie gar nicht einmal. Immerhin, bereits Erwin Richter, der noch zu Lebzeiten Hausdörfers seine Anstalt als Patient besucht hatte (1938), berichtete im Kieselstein (4. Jhrg. 1982, Heft 2 und 6. Jhrg. 1984, Heft 11) folgendes über seinen damaligen Aufenthalt: „Tagsüber fungierte ein sogenannter Assistent, ein voller Laie auf dem Gebiet des Stotterns mit keiner Befähigung zur Leitung eines Sprachheilkurses (Hausdörfer trat aufgrund seines hohen Alters nur noch abends in Erscheinung). Mir brachte der dortige Aufenthalt keine wesentliche Besserung. Es lag aber nicht an der Methode, sondern es lag daran, daß ich und meine Mitschüler die Zusammenhänge des Behandlungsverfahrens nicht verstanden haben, bzw. sie wurden uns nicht zum rechten Verstehen gebracht“. Muß man hier nicht aufhorchen? Hausdörfer und der von ihm eingesetzte Assistent waren nicht in der Lage gewesen, das Verständnis um seine Lehre zu vermitteln? Genau in diesem Punkte liegt ein nicht unerhebliches Problem der Hausdörfer-Methode: Ihre fehlende Transparenz zum Transfer in den Alltag. So scheinbar klar und einfach Hausdörfers Schreibstil in „Durch Nacht zum Licht“ auch immer ist, so schwer tut sich doch der Leser, seine theoretisch erklärte Methode auch richtig umzusetzen. Konsequenz: Jeder ambitionierte Anhänger der Hausdörfer-Methode legt „Durch Nacht zum Licht“ so aus, wie er es gerne hätte oder meint (oder anmaßt zu behaupten) verstanden zu haben. Als eine mögliche Folge dessen hatte sich im Zuge der Wiederentdeckung Hausdörfers zu Beginn der 80er Jahre die allgemeine Meinung durchgesetzt, Hausdörfers Methode sei nichts weiter als eine reine (tönende) Sprechtechnik. Das genaue Gegenteil der eigentlichen Kernbotschaft, die Hausdörfer in seinem Buch ursprünglich dem Leser nahe bringen wollte.
Die eigentliche Problematik der Hausdörfer-Methode ist – glaube ich – noch nicht einmal Oscar Hausdörfer selbst, sondern eher die kleine Schar der Methodenfanatiker unter seinen Anhängern: (Teilweise) „geheilte“ Stotterer, die sich ereifern, daß alle Betroffene in den Selbsthilfegruppen genau auf den (wie Hausdörfer zu sagen pflegte) „einzig richtigen, natürlichen und unfehlbaren“ Pfad zu setzen haben, der ihnen persönlich den Erfolg gebracht hat. Wissen sie nicht, daß es für alle Stotterer so wenig den einen Pfad geben kann, so wenig wie zwei Stotterer auf die gleiche Weise stottern? Meinen sie wirklich, sie tun dem Ansehen von Hausdörfer im Nachhinein einen Gefallen, indem sie seine Methode in den siebenten Himmel loben?
Oscar Hausdörfer war zu seiner Zeit Pionier auf dem Gebiet der Stotterbehandlung, Experte in eigener Sache, darüber hinaus ein guter Geschäftsmann, der erkannt hatte, daß mit den heilungssuchenden Stotterern Geld zu verdienen war. Er wußte vor allem um das Geheimnis der Werbung. Das darf man ihm nicht vorwerfen, unser ganzes heutiges Wirtschaftssystem funktioniert schließlich so. Der Ton, in dem „Durch Nacht zum Licht“ geschrieben ist, klingt auch heute über 80 Jahre nach seinem ersten Erscheinen, noch immer erstaunlich frisch.
Nehmen wir also die Hausdörfer-Methode als Bereicherung der Stotterer-Selbsthilfe? Kein Thema! Aber wozu die Hausdörfer-Methode als professionelle Therapie? Mit welcher Legitimation soll der stotternde Kunde dafür professionell viel Geld ausgeben? Welchen wissenschaftlichen Anspruch erhebt die Lehre Hausdörfers, daß sie als professionelle Methode bezeichnet werden darf? Eine Methode, die sich die letzten hundert Jahre nicht weiterentwickelt hat, obwohl die Forschungen auf diesem Gebiet inzwischen weit vorangeschritten sind? Der psychologische Aspekt der Stotterbehandlung ist heute aus allen staatlich anerkannten Sprachheilanstalten nicht mehr wegzudenken; außerdem wird in ihnen aufgrund ihrer ganzheitlichen Therapiekonzeption ein individueller Zuschnitt der Behandlung erreicht. Wie kann sich dagegen eine Methode als professionell bezeichnen, die auf den einseitigen Selbsterkenntnissen eines einzelnen Menschen basiert? Wie seriös ist eine Methode, die von sich behauptet, die „einzig richtige, natürliche und unfehlbare“ Art und Weise zu sein, um Stottern zu therapieren? Muß der natürliche Weg für den einzelnen, individuellen Stotterer überhaupt der für ihn persönlich richtige sein? Was ist überhaupt natürlich?
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