Aus der Ansicht, daß der überwiegende Teil des Stotterns aus erlernten Reaktionen auf die Erfahrung oder der Erwartung gebrochener Sprechflüssigkeit besteht, folgt, daß die Van Riper-Therapie darauf ausgelegt ist, diese Reaktionen zu verlernen oder so zu modifizieren und auszuformen, daß kontinuierliches Sprechen möglich wird.
Stottertherapie umfaßt Verlernen, Wiederlernen und Neulernen.
Gründe, die Therapie so zu beginnen
Die Therapie beginnt damit, den Stotterer darauf zu trainieren, die offenen und verdeckten Verhaltensweisen, die seine Störung ausmachen, zu identifzieren.
Eine der merkwürdigsten Grundzüge in der Vorstellung des Stotterers über sein Stottern ist seine Neigung, eine Unmenge grundverschiedener Verhaltensweisen in einen Topf zu werfen und alles zusammen als sein Stottern zu bezeichnen.
Die grundlegende Frage, die beantwortet werden muß, wenn „Stottern“ geändert oder die individuellen Reaktionen, aus denen es besteht, gelöscht werden soll, ist: Wie stottert er?
Der Stotterer muß sich bewußt werden, was er tut, wenn er stottert.
Verfahren der Identifikation
Eines der frühesten Feinziele des Therapeuten ist, Muster von Stotterverhalten zu sammeln.
Der Sammel- und Klassifizierungsprozeß reduziert an sich Ängste. Er verringert das Vermeiden, denn um Muster des Stotterns zu sammeln, muß man sie suchen.
Die Hierarchie der Identifikationstherapie
Zielverhalten - das flüssgie Stottern
Jeder Stotterer wird, unabhängig davon, wie schwer er stottert, gelegentlich ein Wort aussprechen, bei dem das Ausmaß der zeitlichen Veränderung minimal ist. Stotterereignisse gibt es in allen Größen und Formen. Diese winzigen Stotterereignisse unterbrechen nicht den zusammenhängenden Sprechfluß. Es gibt viele Arten zu stottern, einige, die besser sind als andere und die es ermöglichen zu stottern, ohne dabei die Sprechflüssigkeit zu beeinträchtigen. Wenn der Stotterer dies lernen kann, braucht er die Kommunikation nicht zu fürchten. Sobald die Patienten fähig werden, sie regelmäßig zu identifizieren, nachträglich zu üben und zu demonstrieren, wird ihnen das Zielmodell geradezu in den Mund gelegt.
Vermeidungsverhalten
Sobald sichergestellt ist, daß es dem Stotterer gelingt, die Muster flüssigen Stotterns in ihrem Sprechen zu erkennen, wird als nächstes dazu übergegangen, ihm zu helfen, seinen gewohnheitsmäßigen Vermeidungsreaktionen entgegenzutreten. Er wird dazu aufgefordert, damit anzufangen, die Arten der Vermeidung, die er verwendet, zu sammeln. Dadurch wird er sich der ungeheuren Last bewußt, die ihm das Vermeiden auferlegt hat. Einige Stotterer sind bei diesem Vermeiden und Verstellen unglaublich geschickt geworden. Sie sind nicht nur in der Lage, den gewöhnlichen Zuhörer zu täuschen, sondern auch den Therapeuten und sich selbst. Die meisten Stotterer interpretieren Vermeiden als Feigheit, daher schließt eine Konfrontation mit dem Vermeidungsverhalten das Selbstbild mit ein.
Aufschubverhalten
Aufschubverhalten kann als eine Unterart der Vermeidung angesehen werden. Obwohl der Stotterer schließlich das gefürchtete Wort ausspricht oder sich in die gefürchtete Situation begibt, versucht er, durch Verzögerung das Erlebnis der kommunikativen Frustration oder die Abnormität zu vermeiden, indem er sie so lange wie möglich hinausschiebt. Außerdem hat er entdeckt, daß der Aufschub oft das erwartete Stottern zu verhindern scheint. Der Stotterer stellt fest, daß seine Angst zu und abnimmt, und daß er vielleicht in der Lage ist, das gefürchtete Wort flüssig zu sprechen, wenn er den Sprechversuch in einer zunehmenden Phase durchführen kann. Das Aufschieben ist ein rechtzeitiges Vermeiden.
Der Stotterer soll sein Kommunikationsverhalten untersuchen und all die verschiedenen Arten von Aufschubverhalten aufspüren, die er erwischen kann.
Der Stotterer beginnt zu verstehen, warum er tut, was er tut. Er beginnt zu begreifen, daß ein großer Teil seiner Abnormität nichts mit dem tatsächlichen Aussprechen des Wortes zu tun hat, und daß er das Wort, daß er sagen möchte, unmöglich sagen kann, wenn er damit beschäftigt ist, seinen Mund mit irgendwelchen irrelevanten Vokalisationen zu füllen. Er lernt, daß sein „Stottern“ kein zufälliger Spasmus ist, daß der größte Teil davon aus einer Anhäufung gewohnheitsmäßiger Reaktionen besteht, die so überlernt sind, daß sie automatisiert wurden.
Verhalten zur zeitlichen Regulierung
Eine andere Gruppe von Verhaltensweisen, die dem tatsächlichen Sprechversuch vorangehen, sind keine Bremsen sondern Starthilfen. Sie stellen die Bemühung des Stotterers dar, die Verzögerung unter Zeitdruck zu beenden und anzufangen zu sprechen.
Einige der groteskesten Merkmale des Bildes, daß der Stotterer bietet, sind auf diese angewöhnten Mittel zeitlicher Regulierung zurückzuführen.
Verbale Hinweisreize
Alle vorab beschriebenen Verhaltensformen sind Reaktionen, die mit vorangehenden Reizgruppen, mit Merkmalen der kommunikativen Situation oder mit Charakteristika der auszusprechenden Wörter verbunden sind. Um Wege zu finden, diese Erwartungsreaktionen zu schwächen, muß man in der Lage sein, die verbalen Hinweisreize zu finden, die damit verbunden sind.
Situative Hinweisreize
Diese Einzelaufgabe schließt die direkte Konfrontation mit dem Ich ein. Obwohl der Stotterer nichts weiter zu tun braucht, als die Merkmale kommunikativer Situationen zu identifizieren, die seine Sprechangst erregen, untersucht er statt dessen bald seine Beziehungen zu anderen Menschen. Er stellt dabei beispielsweise fest, daß er in einer gegebenen Situation Angst hat zu sprechen wegen der möglichen Gefährdung seiner Selbstachtung. Der Stotterer erforscht sich selbst.
Identifikation der elementaren Verhaltensformen
Die meisten der Verhaltensweisen, die der Stotterer bis hierhin identifizierte, waren solche, die dem Versuch zu sprechen vorausgehen. Jetzt wird die Form der abnormen Äußerung selbst, die Abnormitäten in den motorischen Abfolgen, erforscht. Dabei muß der Stotterer die Art, wie er ein gestottertes Wort spricht, vergleichen mit der Art, wie er es normal spricht oder mit flüssigem Stottern spricht. Es müssen also auch die motorischen Eigenschaften des normal gesprochenen Wortes untersucht werden. Die Van Riper-Therapie interessiert sich dabei nicht dafür, wie diese Triaden aus abnormer Äußerung, flüssigem Stottern und normaler Äußerung klingen, sondern wie sie produziert werden. Es soll dabei erreicht werden, daß sich die gewöhnliche Neigung des Stotterers ändert, sein Sprechen akustisch statt propriozeptiv zu überwachen. Er soll aufhören, auf die Lücken und abnormen Laute in seinem Sprechen zu horchen und anfangen zu merken, was er tatsächlich tut. Er soll lernen, was Normalsprechende anscheinend tun - ihr Sprechen durch Propriozeption zu überwachen.
Orte der Anspannung
Jeder Stotterer hat anscheinend ein ziemlich einzigartiges Muster von Spannungsschwerpunkten. Die Orte der Überspannung variieren mit dem Phonem, und zwar mit der Art der Lautproduktion. Dem Stotterer muß bewußt gemacht werden, wo diese Schwerpunktgebiete und Strukturen liegen, die so übermäßig angespannt sind. Wenn er die gestotterte Produktion mit der normalen Äußerung vergleicht, kommt er dazu zu verstehen, wie hart er daran arbeitet, sich in Schwierigkeiten zu bringen.
Repetitives Rückprallverhalten
Wenige Stotterer zeigen nur
vollständige Stillstände oder Fixierungen; die meisten haben eine weitere Art
von elementarem Stotterverhalten, das im wesentlichen aus einer Oszillation in
Form von zwanghaften Silbenwiederholungen besteht und für einige Stotterer die
Hauptform elementaren Stotterns ist, die sie besitzen. Eine versuchsweise
Erklärung für das Verhalten ist, daß das Servosystem in Oszillationen gerät,
weil die zeitliche Regulierung der gleichzeitigen und aufeinander folgenden
Bewegungen unterbrochen worden ist.
Identifikation der Reaktionen nach dem Stottern
Die Gefühle als Ergebnis der Erfahrung werden als letztes untersucht, weil diese am unerträglichsten und am schwierigsten zu identifizieren zu sein scheinen.
Frustrationsgefühle
Schamgefühle
Feindseligkeitsgefühle
Feindseligkeiten rühren aus der Frustration und noch mehr aus dem Verdruß über eine negative Reaktion des Zuhörers. In der Überzeugung, daß sie vollständig schuldlos an jedem Verbrechen gegen die Gesellschaft sind, für das man sie verantwortlich machen könnte, haben manche Stotterer einen tiefgehenden Haß entwickelt gegenüber allen, die sie zurückweisen.