Literatur

 

Jürg Kollbrunner
Psychodynamik des Stotterns

Psychosoziale Ursachen, Stottertheorien, tiefenpsychologisch orientierte Therapie, Zukunftsperspektiven der Sprachtherapieausbildung

erschienen im Verlag W. Kohlhammer, ISBN 3-17-018050-9

Rezension von Georg Klippel/ Osnabrück

Weil ich es die „Bibel der Stotterer“ genannt habe, bin ich zu der Ehre gekommen, eine Rezension über dieses Buch im "LautSprecher" schreiben zu dürfen. Aufmerksam geworden bin ich auf das Buch durch eine Besprechung im Kieselstein von Georg Brinkmann, ehemaliger Redakteur des Kieselstein. Die sehr ausführliche Besprechung ist im Heft 6 von Juni 2005 abgedruckt. Sein Resümee:„ – mich hat dieses Buch beeindruckt, sehr angeregt und mir viel über den (psychologischen) Sinn des Stotterns verraten.“ Im Kontrast dazu sieht Andreas Starke auf seiner Homepage in dem Buch lediglich eine "umfangreiche, gründlich recherchierte Materialsammlung zum Thema Stottern, zur Einarbeitung in das Thema bestens geeignet." Weiter: „Die inhaltliche Position des Autors und die teilweise putzigen Zwischenbemerkungen schmälern den Wert des Buches als Materialsammlung nur unwesentlich.“

Was dieses Buch für mich beim Lesen so spannend und interessant gemacht hat, war, dass ich auf Schritt und Tritt auf Belege stieß, die sich auf das Trefflichste in meine Überlegungen, die ich zum Stottern angestellt und in meine Erfahrungen, die ich mit dem Stottern gemacht hatte, einfügten:

Als ich mit 40 Jahren schlagartig von der Angst zu stottern befreit wurde, fand ich zugleich mein Gefühl bestätigt, dass die herkömmlichen Therapien, die sich mehr oder weniger mit der Beseitigung des Symptoms befassen, zum Kern des Problems Stottern nicht vordringen. Zugleich war mein Interesse geweckt an der Frage, wie die Entstehung des Stotterns zu verstehen ist, wenn sich die Angst vor dem Stottern so plötzlich und unerwartet in Wohlgefallen auflösen kann. Die Frage war, ob die Entstehung des Stotterns mono- oder multikausal zu erklären ist.

Für mich stand, im Gegensatz zur heute allgemein vertretenen Auffassung, fest, dass es eine monokausale Erklärung dafür geben muss. Kollbrunner geht auf diese Frage ausführlich ein. Er arbeitet wunderbar heraus, wie unsinnig und irreführend die Aspekte der multikausalen, multimodalen oder multifaktoriellen Betrachtungsweise sein können.

Zum Beispiel ist diese Betrachtungsweise eng mit der Frage verknüpft, inwieweit das häusliche Milieu bei der Entstehung des Stotterns eine Rolle spielt. Wird diese Frage bejaht, würde sich das Kausalverhältnis schlagartig in ein Schuldverhältnis verwandeln, das bei monokausale Betrachtungsweise die Eltern mit voller Wucht träfe, ohne die Möglichkeit der Entlastung wie bei der multikausalen Verursachungstheorie.

In Bezug auf die Schuldfrage arbeitet Kollbrunner ausführlich heraus, wie sehr der Schuldkomplex durch die abendländische Kultur geprägt ist, die das Verursachen immer auch als Verschulden ansieht. Aber selbst da, wo eindeutig von Schuld gesprochen werden kann, weist Kollbrunner nach, dass es für das Wohl aller Beteiligten besser ist, die Schuld einzugestehen und zu bewältigen, als um des lieben Friedens willen, zum Beispiel, weil die Eltern in das Programm einer symptomatischen Therapie eingespannt werden sollen, diese Frage auszuklammern, zu verharmlosen oder strikt zu verneinen.

Auch die Therapeuten geraten durch diese Frage in ein Spannungsverhältnis, dem sie sich, wie Kollbrunner schreibt, aus zwei allgemeinen und einem speziellen Grund oft nicht gewachsen fühlen.

1.        Tabuisierung der Schuldfrage

2.        Verdacht, dass der, der der Schuldfrage nachgeht, ein Verurteilender ist

3.        Entwertung tiefenpsychologischer Theorien über die Entstehung von Stottern

Das aus diesen Schieflagen resultierende Dilemma wird an zum Teil haarsträubenden Beispielen drastisch demonstriert.

In keinem Buch über Stottern fand ich bislang einen Blick über den Tellerrand in benachbarte Krankheitsbereiche, die mit dem Stottern eine Ähnlichkeit aufweisen, und ohne die in meinen Augen einer plausiblen Stottertheorie wesentliche Aspekte fehlen würden. Umso erfreulicher für mich, dass zwei dieser Randgebiete erwähnt werden: Schreibkrampf und Erythrophobie (Angst vor dem Erröten). Zwei weitere, die nicht genannt sind, sind deshalb erwähnenswert, weil sie im Zusammenhang mit dem roten Faden stehen, den ich im Buch entdeckt habe, und auf den ich noch zu sprechen komme: Paruresis (Pinkelblockade) und Tourette-Syndrom mit Koprolalie.

Mit dem roten Faden meine ich die auch im Stichwortverzeichnis erwähnte Reinlichkeits-Erziehung (die Seitenzahlen 44, 56 und 301 müssten noch um die Seiten 57 und 181 ergänzt werden). In meinen Augen handelt es sich hier um einen Bereich, der als Dreh- und Angelpunkt der Stotterermisere angesehen werden kann. Hier wird auf leiblicher Ebene vorgebildet, was sich auf der geistigen im Wort wiederholt: Kontrolle darüber, was den Körper verlässt. Die Sprache weiß immer schon um diesen Zusammenhang („sich ausdrücken“, „Klugscheißer“). In einer Abhandlung von Dr. Sigrid Graumann-Brunt „Auswirkungen von KISS auf die Sprache“ 2000 wird höchst beeindruckend dargelegt, dass die Formung der Sprachlaute nicht allein eine Sache von Kehlkopf und Mundbereich ist, sondern in der Körpertiefe bereits vorstrukturiert wird. Zitate: „Dabei sind bestimmte Muskelpartien in der Körpertiefe Muskelpartien im Gesichts- und Mundbereich zugeordnet. Jede Silbe, höchstwahrscheinlich auch jeder Sprachlaut (Wängler 1981) in einer bestimmten Tonhöhe hat somit seine feststehenden „Orte der Entstehung im Körper“.

Wenn man sich vergegenwärtigt, dass sowohl das Stottern als auch die anderen oben genannten und mit ihm verwandten Behinderungen mit dem Bereich unterhalb der Gürtellinie zu tun haben, dann dürfte es nicht schwer fallen, der Reinlichkeitserziehung eine gewisse Bedeutung für die sprachliche Fehlentwicklung beizumessen. Und wenn man sich vor Augen hält, dass es sich hier um einen Bereich handelt, der für das Phänomen der Verdrängung (Tabu) geradezu prädestiniert ist, dann dürfte die Frage, warum es keine nennenswerten Fortschritte in der Ursachenforschung gibt, sich wie von selbst beantworten.

Zum Schluss will ich aus Kollbrunners Buch noch zwei Zitate aufgreifen, die erhellen, von welch eminenter Bedeutung die Lösung des Problems Stottern ist:

Nutall: „Derjenige, der eine Heilung fürs Stottern finde, habe eine Heilung für alle Krankheiten der Gesellschaft gefunden.“

West: „Wenn wir den Grund des Stotterns kennen, können wir ihn in einem einzigen Satz ausdrücken.“

Dazu schreibt Kollbrunner: „Ist Wests Gedanke wie vielleicht derjenige von Nutall auch eine Ahnung darüber, dass viel Wissen über die Verursachung der Störung bereits existiert, aber nur in einer Art Quantensprung – einem grundsätzlichen Umdenken – verstehbar und zur weiteren Verwertung verfügbar gemacht werden kann?“

Dazu kann ich nur sagen: Ja, so ist es. Denn für den Quantensprung gibt es im Buch bereits eine Tapetentür unter dem Stichwort „Desintegration“. Tapetentür deshalb, weil sich hinter dem Stichwort „Desintegration“ auch ein Buchtitel von Christof Kalb verbirgt mit dem Untertitel: „Studien zu Friedrich Nietzsches Leib- und Sprachphilosophie“. Darin kommt das Wort Stottern zwar kein einziges Mal vor, aber für die Frage, was es mit Leib und Sprache auf sich hat, ist es so phantastisch, dass einem die Schuppen wie Sternschnuppen von den Augen fallen.

Wenn ich sagen sollte, wie es ist, von der Angst des Stotterns schlagartig befreit zu werden, dann fällt mir der Begriff „wie neugeboren“ ein. Und wenn jemand versucht haben sollte, sich vorzustellen, wie es ist, mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen zu werden, dann ist auch das ein zutreffendes Bild für das, was mit einem geschieht, wenn es mit der Angst zu stottern plötzlich von Grund auf und endgültig vorbei ist.

Der eingangs erwähnte Vergleich dieses Buches mit der Bibel beruht nicht zuletzt darauf, dass man es, wie die Bibel, immer wieder wahllos aufschlagen kann - und schon frisst man sich begeistert lesend in es hinein.

Osnabrück, den 18.9.2006

 

Kommentar des Buchautors                  

Dass Herr Klippel mein Buch übers Stottern als „Bibel“ bezeichnet, ist zuviel der Ehre. Dass er es aber als besonders lesenswert darstellt, freut mich natürlich. Auch habe ich in seinem Text einige neue Zusammenhänge erfahren, so zum Beispiel zur Verbindung von Körpertiefe und Gesichts- und Mundbereich sowie zu Nietzsches Leib- und Sprachphilosophie.

Ich weiss, dass die „Psychodynamik des Stotterns“ vielerorts aneckt, insbesondere bei Anhängern der Naturmethode. Es ist mir auch klar, dass erwachsene Stotternde sich genau jene Hilfe suchen sollten, von welcher sie annehmen – oder noch besser: schon erfahren haben –, dass sie ihnen hilft. Und das kann durchaus auch die Naturmethode sein. Wofür ich mich in meinem Buch einsetze, ist die Beendigung eines Selbstbetrugs. Es ist nämlich nicht so, dass man noch viel zu wenig übers Stottern wüsste, dass es viel mehr Forschung bräuchte und viel bessere Therapeuten ausgebildet werden müssten, bis man endlich eine Therapie beginnen könnte, welche an den Ursachen der Störung ansetzt. Ich meine, dass die wichtigsten Ursachen längst bekannt sind und in der Biografie jedes einzelnen Stotternden aufgefunden werden können. Aber das erfordert die Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte, mit den eigenen Stärken und Schwächen (auch neben dem Stottern) und mit den eigenen Elternbildern. Ernsthaft und ehrlich soll solche Auseinandersetzung sein. Sie sollte jedoch – so denke ich – nicht mit unerbittlicher Strenge sondern eher mit einer wohlwollenden Nachsicht gegenüber sich selbst geführt werden. Ich hoffe, dass die „Psychodynamik des Stotterns“ (oder das weniger komplizierte Büchlein „Stottern ist wie Fieber“) einige von Euch Stotternden ermutigt, eine neue Phase solchen Suchens und Ausprobierens zu wagen.

J. Kollbrunner

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