Van Riper

 

Motivation 

Keine der verschiedenen Fähigkeiten und Fertigkeiten, über die ein mit Stotterern arbeitender Therapeut verfügen muß, bestimmt in so wesentlichem Maße über Erfolg und Mißerfolg, wie die Einschätzung und Förderung der Motivation. Da es keine schnelle und schmerzlose Heilung gibt, sind die Therapieaufgaben oftmals beschwerlich und verlangen vom Therapeuten und vom Patienten gleichermaßen viel. Das Verlernen eines hochgradig automatisierten Vermeidungs- und Fluchtverhaltens ist nicht auf einfache Weise zu erreichen.

Motive des Stotterers

Der kleinste gemeinsame Nenner aller Motivationskomponenten ist die Schwierigkeit des Stotterers, leicht und ohne Abnormität zu kommunizieren. Das ist die Hauptquelle seines Unglücks. Der Stotterer sucht die Therapie, um sich von seinem Stigma zu befreien, von der wahrgenommenen und bestraften Abnormität. Er will ohne Angst und Anspannung sprechen.

Die Kosten der Therapie

Motivation ist immer dann beeinträchtigt, wenn die Kosten einer Therapie, die darauf abzielte, Stottern völlig verschwinden zu lassen, höher sind als der erwartete Nutzen.

Schwere Stotterer sind meistens in größerem Maße motiviert als leichte Stotterer. Für diejenigen, die eine erhebliche Menge flüssigen Sprechens haben, erscheint die Entfernung zum Ziel so kurz, daß sie es schwierig finden zu erwarten, große Anstrengungen unternehmen zu müssen, um ihre Behinderung zu überwinden. Einer der Gründe dafür, daß schwere Stotterer gegenüber leichten oft eine bessere Prognose zu haben scheinen, liegt darin, daß sie wissen, daß sie weit zu gehen haben, und deshalb auch härter arbeiten. Ihre Erwartung der Kosten der Therapie sind realistischer und, da sie unglücklicher sind, haben sie natürlich einen stärkeren Antrieb. Ihr erwarteter Nutzen ist größer.

Jeder Therapeut muß in der Lage sein, die wahrscheinlichen Kosten jeder vorgeschlagenen Aktivität einzuschätzen, wenn er auf irgendeinen Erfolg hofft.

Unterschiedliche Motivationsstufen im Verlauf der Therapie

Die Therapeuten müssen in jeder Therapiesitzung eine Einschätzung der jeweils vorhandenen Motivation vornehmen. Jeder Therapeut wird sehr schnell auf den „Flitterwocheneffekt“ stoßen. Zu Beginn der Therapie, wenn die Hoffnung erst einmal geweckt worden ist, kann der Stotterer sehr hart arbeiten und sich seinen Zielen sehr schnell nähern. Später, wenn sich die Neuartigkeit der Therapeutischen Situation gegeben hat, kann man feststellen, daß der Eifer dieses Stotterers merklich nachläßt.

Die Konfrontationsstufe der Therapie bringt einige Motivationsprobleme mit sich.

Eine zweite größere Stelle verminderter Motivation wird deutlich, wenn der Stotterer beginnt, in gefürchtete Situationen einzutreten oder freiwillig gefürchtete Wörter auszusprechen, um zu lernen, sein Stotterverhalten zu modifizieren.

Schließlich kann der Therapeut eine verminderte Motivation zumindest beim schweren Stotterer erwarten, wenn genügend Fortschritte gemacht worden sind, die es ihm erlauben, mit einer gewissen Effektivität zu kommunizieren, obwohl noch erhebliche Abnormitäten bestehen.

Motivationsschwierigkeiten in der Therapie

Der Therapeut kann nicht annehmen, daß der Stotterer die notwendige Motivation für die Therapie hat. Es ist erforderlich, die Dynamik des Widerstandes seitens des Stotterers zu verstehen.

Schwierigkeiten bei der Zielsetzung

Die meisten Forschungen haben gezeigt, daß Stotterer niedrigere Anspruchsniveaus als Normalsprechende haben, und zwar auch bei Aufgaben, die in keinem Zusammenhang mit dem Sprechen stehen. Manche Stotterer setzen sich dagegen paradoxerweise Ziele, die unrealistisch hoch sind. Dies ist eine nicht ungewöhnliche Verteidigungsreaktion auf wiederholtes Versagen. Manche Stotterer lehnen die Konfrontation mit ihrem Stottern nicht nur wegen der Frustration und des Stigmas ab, sondern auch deswegen, weil sie außerdem die grundlegende Integration ihres Selbstbildes bedroht, eine Integration, die bestenfalls bedenklich instabil ist.

Das Unangenehme beim Stottern

Hinweis auf die natürliche Abneigung jedes menschlichen Wesens gegen die Forderung, etwas zu berühren, das ihm in der Vergangenheit weh getan hat.

Fehlendes Vertrauen zum Therapeuten

Ein Teil der offenbar fehlenden Motivation kann auf die sehr reale Furcht des Stotterers zurückzuführen sein, sich in die Hände eines Therapeuten zu begeben, der ihn vielleicht fallenläßt.

Der Widerwille, sekundäre Gewinne aufzugeben

Ein behandelter Stotterer sagte: „Sicher, ich hole aus meinem Stottern so viele Vorteile heraus, wie ich kann; ich drücke mich vor vielen Aufgaben; ich habe eine gute Ausrede dafür, daß ich nichts versuche, daß ich keinen Erfolg habe. Weil ich stottere, brauche ich eine Menge unangenehme Dinge nicht mehr tun. Aber ich will ihnen eins sagen: Die paar Vorteile, die ich davon habe, sind die Qual nicht wert.“

Obgleich es neurotische Stotterer ebenso wie neurotische Normalsprecher gibt, konnte nicht festgestellt werden, daß diese anerkanntermaßen vorhandenen Gewinne ausreichen, um die von erwachsenen Stotterern gezeigten Motivationsschwierigkeiten zu erklären.

Stottern als unbedeutendes Ärgernis

Es gibt einige Stotterer, gewöhnlich die leichteren Fälle oder die jüngeren, die durch ihr Stottern nicht genug verletzt wurden, um ein starkes Bedürfnis zu verspüren, etwas dagegen zu tun.

Die Darstellung der Kompetenz und des Engagements des Therapeuten

Tatsächlich arbeiten viele Stotterer eifrig und hart. Keines der beschriebenen Motivationsprobleme ist unlösbar. Beschreibung, was der Therapeut alles tun kann, um die Fesseln zu lösen, die die in allen Patienten latent vorhandene Motivation bindet:

Die unvermeidliche Herausforderung,

Hoffnung geben,

das Wecken der Motivation durch Planung.

Feinziele und Motivation

Die Art der vertretenen Therapie ist vor allem eine psychotherapeutisch orientierte Aktivitätstherapie. Die Ziele der Behandlung müssen als fließend angesehen werden, die sich ändern mit den Änderungen im Verständnis des Klienten von seinen eigenen Bedürfnissen. Der Stotterer scheint immer mehr Motivation zu haben, wenn er an der Strukturierung der Feinziele teilnimmt.

Eine erfolgreiche Stottertherapie beinhaltet eine gemeinsame Anstrengung des Therapeuten und des Patienten. Sie ist eine Interaktion, nicht eine Injektion, bei der der Therapeut die Spritze in der Hand hält.

Verstärkung

Das Geschick des Therapeuten besteht weitestgehend in seiner Fähigkeit, die Verstärkung zu handhaben, positive Möglichkeiten zu schaffen, die positive Bewegung auf dem Weg zum Ziel sofort zu verstärken.

Zur Verfügung stehende Verstärker

Die in der Therapie benutzte Hauptverstärkung ist stets die Anerkennung seitens des Therapeuten. Das Bedürfnis, dem Therapeuten zu gefallen, kann allerdings auch Schwierigkeiten aufwerfen. Letzlich ist es Aufgabe des Therapeuten, den Patienten frei von ihm zu machen und nicht, ihn an sich zu fesseln ® Selbstverstärkung.

Anerkennung - wofür?

Gleich ob der Therapeut oder der Stotterer die Anerkennung erteilt, ist es erforderlich, daß sie kontigent auf den therapeutischen Fortschritt und nicht auf eine beliebige Leistung folgt. Dieses außerordentlich wichtige Prinzip sollte die ganze Therapie bestimmen.

Andere positive Verstärker

Symbolische Verstärker, soziale Verstärker, Verstärker, die mit primären Trieben verbunden sind. Es ist immer erforderlich, diejenigen Verstärker herauszufinden, die ein Stotterer wünschenswert zu finden scheint.

Negative Verstärkung

Eine der stärksten Antriebe des Stotterers ist, kommunikative Unannehmlichkeiten zu entkommen. Ein großer Teil der Abnormität des Stotterers besteht aus Vermeidungs- und Fluchtverhalten. Es ist daher nur natürlich, daß negative Verstärkung, die nach der Definition darin besteht, der Bestrafung zu entkommen, sich als kraftvolles therapeutisches Werkzeug erweisen sollte, wenn sie klug angewandt wird.

Bestrafung

In der Van Riper-Therapie wird die Bestrafug nur sehr selten, und wenn, dann mit größter Besonnenheit benutzt und niemals, wenn man einen Funken der Irritation über die Widerspenstigkeit oder den Widerstand des Stotterers spürt. Der Stotterer ist schon sein Leben lang bestraft worden - nicht nur von anderen, auch von sich selbst.

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