Literatur

 

Naturmethode

 

Was ist die Naturmethode?

Die Naturmethode ist eine Methode zur Therapie stotternder Menschen ausschließlich für den Gebrauch von Mitgliedern der Stotterer-Selbsthilfe.

Die Naturmethode ist der auf die Bedürfnisse der Stotterer-Selbsthilfe reduzierte, rein sprechübungs-behandelnde Teil der Methode des Sprachheilpädagogen Erwin Richter, ergänzt durch die unabhängig voneinander entstandene, inhaltlich teilweise identische Methode des englischen „Stotterexperten“ Ronald Muirden.

Die Methode Richters wiederum ist stark beeinflusst von der Lehre seines „Altmeisters“ Oscar Hausdörfer, eines ehemals stotternden, dann „selbst-geheilten“ Apothekers, dessen besserwisserisches, „messianisches“ Machwerk „Durch Nacht zum Licht“ selbst heute noch einige wenige Mitglieder der Stotterer-Selbsthilfe beeindruckt. Doch was in der Stotter-Fachliteratur noch nicht einmal diskussionswürdig ist, scheint für den Demosthenes-Verlag der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe offensichtlich gerade gut genug zu sein.

Weitere Angaben zur Entstehung und zum Inhalt der Naturmethode möge der Leser meinem Artikel „Kleine Chronik der Naturmethode“ entnehmen.

Die Beliebtheit der Naturmethode-Seminare innerhalb der Stotterer-Selbsthilfe ist wohl weniger auf den Inhalt der Methode als auf den Freizeitcharakter ihrer Wochenendveranstaltungen zurückzuführen. Die Atmosphäre, die ich selbst schon mehrmals miterleben durfte, ist als be-„tont“ gemeinschaftlich bis hin zu familiär einzustufen, die Teilnehmer mehrheitlich offen und aufgeschlossen fremden Mitbetroffenen gegenüber, innerhalb der Seminarzeit wird viel gelacht, getrunken, getanzt und Musik gemacht. Außerdem verstehen sich die Referenten der Naturmethode noch dem ursprünglichen Gedanken der Selbsthilfe im engeren Sinne verpflichtet, ganz im Gegenteil zu all den anderen professionell bezahlten Therapieanbietern innerhalb der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe.

Um so unverständlicher ist es mir, wieso dieselben Referenten es zulassen, dass immer wieder so genannte Scharlatane die Naturmethode als Sprungbrett für die Anbietung eigener, unseriöser Therapieformen missbrauchen. Unter einem Scharlatan verstehe ich dabei in Übereinstimmung mit Eintragungen gängiger Standardlexika eine Person, die vorgibt, Wissen und Fähigkeiten zu besitzen, die nicht den Tatsachen entsprechen. Im folgenden möchte ich einen typischen Fall von Scharlatanerie innerhalb der Stotterer-Selbsthilfe kurz skizzieren. Um es gleich vorwegzunehmen: Es handelt sich dabei um keinen Tatsachenbericht, sondern um einen persönlichen Erfahrungsbericht, den ich in einem persönlichen, bisweilen bewußt polemisch, provozierenden Stil verfasst habe.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass Naturmethode-Referenten auf die Einladung eines holländischen Elektroingenieurs zu einem ihrer „Expertentreffen“ nicht verzichten wollten, um sich von ihm erklären zu lassen, dass Stottern etwas mit Angst (nein so etwas aber auch ;-) zu tun hat. Dass ein beruflich unqualifizierter Laie mit solch trivialen Binsenweisheiten Naturmethode-Referenten damals beeindrucken konnte, spricht nicht gerade für die Sachkompetenz einiger „Stotter-Experten“ innerhalb der Stotterer-Selbsthilfe. Der erstaunte Leser wird sich fragen, was ein Elektroingenieur aus Holland bei einem deutschen "Stotter-Expertentreffen" überhaupt verloren hat. Besagter Elektroingenieur fand an seinem angelernten Beruf wohl keinen Gefallen mehr, erkannte die Chance, sich durch intensivierte Beschäftigung mit seinem Stigma Stottern beruflich selbst zu verwirklichen und obendrein auf Kosten stotternder Patienten Geld zu verdienen, ernannte sich selbst zum "Sprachtherapeuten" und gründete noch schnell - zur Kompensierung fehlender Qualifikation - ein eigenes "Institut": Dabei handelt es sich wahrscheinlich um seine eigenen vier Wände. Fehlt nur noch ein geeignetes Therapiekonzept: Mangels Kreativität und Innovation wurde einfach die mehr als fragwürdige Methode Oscar Hausdörfers (s.o.) nach fast einem halben Jahrhundert aus ihrem wohlverdienten Dornröschenschlaf erweckt und als zeitloses universelles Allheilmittel gegen Stottern verkauft (nach dem Motto: Hausdörfer hat’s schon immer gewusst). Das ist nicht besonders originell und darüber hinaus an Dummdreistigkeit nicht zu überbieten. Hat aber immerhin in Holland wohl eine Zeit lang ganz gut geklappt. Erst als der Elektroingenieur Gefahr lief, dass ihm in seinem Heimatland die Patienten ausgehen (wegen schlechter Mundpropaganda?) und er sich darüberhinaus mit der holländischen, Scharlatanen gegenüber weniger aufgeschlossenen Stotterer-Selbsthilfe ordentlich verkracht hatte, griff er die Gelegenheit bei Schopfe, sich bei der erstbesten Gelegenheit nach Deutschland einladen zu lassen, um sich neue Märkte für seine Verdienstmöglichkeiten zu erschließen. Und leichtgläubige Stotternde, die sich nur allzu kritiklos von angeblich „Selbstgeheilten“ blenden lassen und sich bereit erklären, beim Geldverdienen behilflich zu sein, hat es in der Stotterer-Selbsthilfe schon immer gegeben. Wohlweislich, dass reine Selbsthilfe im ursprünglichen Sinn der Bedeutung und Kommerzialisierung diverser Selbsthilfe-Methoden doch eigentlich unvereinbar sind.

Leider ist dies nicht das erste Mal gewesen, dass die Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe in puncto Stottertherapie beruflich unqualifizierten Mitgliedern aus den eigenen Reihen als Steigbügelhalter diente. Ist es etwa Aufgabe der Selbsthilfe, „selbst-geheilte“ Stotternde sich beruflich selbst verwirklichen zu lassen? Scharlatane, die damit Geld machen, vornehmlich aus der Selbsthilfe geworbene Patienten mit fragwürdigen, längst überholten Methoden zu behandeln? Glaubt die Stotterer-Selbsthilfe allen Ernstes, dadurch besonders seriös auf Nicht-Mitglieder zu wirken?

Quo vadis Stotterer-Selbsthilfe? Was haben Scharlatane innerhalb der eigenen Reihen noch mit dem ursprünglichen Selbsthilfe-Gedanken zu tun? Was ist mit der Glaubwürdigkeit, was ist mit der Seriosität des ganzen Vereins? Ich kann mich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, dass die Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe in ihren teilweise dilettantischen Versuchen, sich zu
" professionalisieren", Gefahr läuft, zum Selbstbedienungsladen von "Möchtegern-Stotterexperten" und selbsternannten Sprach-Therapeuten zu verkommen.

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