Hier findet der Leser einen kurzen Überblick zur Geschichte der Selbsthilfe, Allgemeines zum Selbsthilfe-Gedanken, zur Bildung von Selbsthilfegruppen und Besonderheiten der Stotterer-Selbsthilfe.
Der klassische Selbsthilfegedanke
ist in England entwickelt worden. Am Anfang des letzten
Jahrhunderts haben dort hungersnotleidende Menschen ihre gemeinsame Situation erkannt,
sich zusammen
geschlossen und versucht, durch gemeinsames Handeln, sich eine bessere Ernährungsbasis zu
schaffen und sich gemeinsame Versorgungsstrukturen geschaffen. Damals nannten sich diese
Zusammenkünfte noch nicht Selbsthilfegruppen. Der eigentliche Beginn des Selbsthilfewesens
ist im Jahre1935, genauer am 10.06. zu sehen. Zwei Anonymen Alkoholiker gründeten
in Ohio (USA) eine erste Selbsthilfegemeinschaft und ließen diese auch als Selbsthilfe
eintragen. Anfang der 50er Jahre kamen mit den alliierten Siegermächten die
Anonymen Alkoholiker auch nach Deutschland, wo damit der ernsthafte Gedanke
geboren war, bis dato völlig unbekannte Selbsthilfegruppen zu gründen und sich zu
solidarisieren. Die Anonymen Alkoholiker waren dabei allen um Jahre voraus. 1956
in München waren sie auf ihrem ersten Treffen acht Miglieder. 1968 trafen sich
zum Deutschlandtreffen 80 Betroffene. (Im Frühjahr 1983 waren es schon
8000.) Diese Entstehungsphase war etwa 1975 abgeschlossen, als die großen Selbsthilfeorganisationen
im Dachverband Hilfe für Behinderte selbstbewußter auftraten und die
Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen gegründet wurde.
Ab
diesem Zeitpunkt wurde die Frage immer wichtiger, wie berufliche Helfer an der
Entwicklung von Selbsthilfegruppen mitwirken können. In diesem Zusammenhang
wurden eklatante Missbräuche bekannt und Fachleute fürchteten nicht zu Unrecht,
sie könnten eine neue therapeutische Abhängigkeit herstellen, wenn sie sich
Selbsthilfegruppen näherten. So kam es zu einer grundlegenden Veränderung der
helfenden Beziehung, einer Emanzipation in Richtung gleichgestellter Partnerschaft
zwischen Helfern und Betroffenen. Als Ergebnis dieser Emanzipation gelangten die
Selbsthilfegruppen mit Beginn der 80er Jahre zu einer breiten Anerkennung. Das
Expertentum des Betroffenseins wurde anerkannt und der Durchbruch der Selbsthilfebewegung
im Gesundheitswesen, im politischen Bereich und im Alltag war allseitig. 1983
entstand die Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung
von Selbsthilfegruppen (NAKOS). Heute kommt der Selbsthilfe in Zeiten der
Rotstiftpolitik gerade in gesundheitspolitischen Fragen immer mehr Bedeutung
zu. Die Bedeutung von Selbsthilfegruppen für das gesundheitliche Versorgungssystem
konnte inzwischen auf der quantitativen und qualitativen Ebene nachgewiesen
werden. Und in der gesundheitspolitischen Diskussion werden Selbsthilfe-Initiativen
mittlerweile als "vierte Säule im Gesundheitssystem" bezeichnet -
als Säule der gegenseitigen Hilfe und des Erfahrungswissens neben der ambulaten,
stationären und rehabilitativen professionellen Leistungen.
(Quellen: http://de.wikipedia.org/wiki/Anonyme_Alkoholiker;
http://rumpelstilz.net/suchtportal/geschichte_Selbsthilfe.htm;
http://www.diabetiker-hannover.de/diab_hannover/selbsthilfe_was.htm)
Von besonderer Bedeutung ist es, sich über die Begrifflichkeit klar
zu werden. Das Wort Selbsthilfe besteht aus zwei Wörtern, aus den Worten "Selbst"
und "Hilfe". Die Assoziation beim Wort "Selbst" sagt aus:
Ich selbst habe etwas, ich selbst werde etwas machen, ich selbst erwarte etwas.
Also, von mit selbst kommt etwas. Das Wort "Hilfe" assoziiert helfen.
Ich bin Betroffene oder Betroffener, ich selbst will helfen, mir selbst wird
geholfen. Also ist Selbsthilfe etwas, wo ich etwas bekomme, aber auch etwas
gebe.
(Quelle: http://www.diabetiker-hannover.de/diab_hannover/selbsthilfe_was.htm)
Das Grundprinzip der Selbsthilfe ist die Selbststeuerung. Es gibt daher keine genauen Regeln für den Ablauf eines Gruppenabends. Im Gegenteil: Jede Vorschrift behindert den freifließenden, spontanen Prozeß der Gruppe. Die freie, selbstgesteuerte Entwicklung ist die Grundlage jeden Erfolges.
Zu diesen Grundeinstellungen, die zu den wesentlichen Werten der Selbsthilfegruppen gehören, kommen einige Prinzipien, die für die therapeutische Arbeit wesentlich sind.
(Quelle: Zur Bildung von Selbsthilfegruppen. Ein Erfahrungsbericht für Teilnehmer und Experten von Prof. Dr. med. M.L. Moeller, Psychiat. Prax. 4 (1977) 197 - 212, Georg Thieme Verlag Stuttgart)
Zentrale Voraussetzung für die Selbsthilfe ist die Überwindung der herkömmlichen Therapeut-Patient-Beziehung und die Entwicklung einer neuen therapeutischen Beziehung.
Die verbreitetste Selbsthilfegruppenorganisation
sind die Anonymen Alkoholiker. Die zahlreichen anderen aus ihnen hervorgegangenen Selbsthilfeorganisationen mit ihren
jeweils
vielen lokalen Gruppen versuchen in regelmäßigen
Gruppengesprächen ohne therapeutische Experten ihre persönlichen Probleme und
seelischen Konflikte zu lösen.
Wenn Selbsthilfegruppen nicht
helfen, lösen sie sich wieder auf. Es gibt nur einen einzigen Grund, in einer
Gruppe zu bleiben: die wirksame, wechselseitige Selbsthilfe.
Gruppengröße: Die optimale Größe
scheint bei 6 Personen zu liegen. Da jedoch häufiger Mitglieder fehlen, ist
eine höhere Mitgliederzahl für das durchgängige Arbeiten der Gruppen nötig.
Unter 6 Personen ist der Austausch und die Verschiedenartigkeit zu gering. Bei
einer Gruppe von mehr als 12 Personen ist ein wechselseitiges persönliches
Anteilnehmen und die Möglichkeit zur gleich verteilten Aussprache nur schwer
möglich.
Häufigkeit der Sitzungen: Wenn es
einer Gruppe gelingt, vor allem am Anfang oder in besonderen Zwischenzeiten
zwei Sitzungen pro Woche einrichten zu können, wäre das von Vorteil, weil der
Gruppenablauf intensiver wird. Deswegen werden von einigen Gruppen manchmal
auch zusätzlich intensive Wochenendtreffen vereinbart.
Gruppenziel: Keine Gruppe kommt
ohne gemeinsame Aufgabe aus. Das Gruppenziel ist in Selbsthilfegruppen klar
festgelegt: die Teilnehmer wollen im gemeinsamen Gespräch versuchen, ihre
persönlichen Probleme zu lösen bzw. zu lernen, mit ihnen besser umzugehen.
Wesentlich ist, daß die Gruppe ein offenes Gespräch führt. Jeder sollte also so
spontan, direkt und frei, wie es ihm möglich ist, reden und reden lassen. Die
Beteiligung am Gruppengespräch sollte unter den Mitgliedern möglichst
ausgeglichen sein, ohne daß Druck auf einen ausgeübt wird, der nicht reden
möchte. Es wird oft vergessen, daß auch Schweigen eine Mitteilung sein kann.
Selbsthilfegruppen kann man als einen zweiten Weg in der medizinischen Versorgung aller sogenannten psychosozialen Störungen und ihrer körperlichen Begleiterkrankungen auffassen.
Eine erste Erwartung der
Teilnehmer ist nicht anders als vor jeder psychotherapeutischen Behandlung. Sie
bezieht sich auf die Tatsache, daß man sich den eigenen Konflikten stellen
möchte. Diese Erwartung macht Angst. Die Angst gesteht man sich selten ein.
Die zweite Behandlungserwartung
ist heute immer noch häufiger, als man denkt: Die Erwartung nämlich, daß
seelische Probleme nur im Gespräch unter vier Augen und nicht in der Gruppe
behandelt werden können.
Die dritte Anfangserwartung ist
nicht weniger hinderlich. Wir sind nämlich, wenn wir Hilfe erwarten, allzu sehr
gewohnt, daß diese Hilfe sozusagen „von oben“ kommt: Von jemanden, der es
besser weiß, der über größere Fähigkeiten verfügt, der gleichsam mächtiger ist
als wir. In der Selbsthilfegruppe gibt es zwar oft auch erfahrenere Teilnehmer,
im großen und ganzen aber handelt es sich doch um eine gleichgestellte
Beziehung, die diese Erwartung nach einer höheren Person nicht erfüllt.
Eine vierte Erwartung hängt mit
der Vorstellung unter verschiedenen Krankheits- und Behandlungstheorien
zusammen, daß man mit den persönlichen Problemen ganz allein fertig werden
sollte. In einer kleinen Untersuchung (Bormuth 1975) konnte gezeigt werden, daß
die Anhänger dieser Behandlungserwartung, besonders wenn ihr Leidensdruck
gering ist, am ehesten wieder aus den Selbsthilfegruppen ausscheiden.
Andererseits besagt jedoch eine der
gesicherten, gruppendynamischen Erkenntnisse, daß eine Gruppe in ihren
intellektuellen und emotionalen Fähigkeiten den einzelnen in der Regel
übertrifft.
Zunächst soll man mit Leuten zusammentreffen, die man gar nicht kennt. Das verursacht ein erstes Unbehagen vor dem Unbekannten. Dann soll man sich denen sogar noch anvertrauen. Davor scheut man verständlicherweise zurück. Schließlich aber hat man vor, sich den eigenen Konflikten zu stellen. Diese innere Begegnung mit den Seiten in sich selbst, die man bisher verheimlichte, die man nach Möglichkeit aus Ängsten, Scham, Schuldgefühlen, Schmerzen vermied, diese Konfrontation mit dem anderen Ich also, macht einem wohl das stärkste Unbehagen. Kein Mensch stellt sich gern eigenen Konflikten, die ihm nun einmal Angst machen. Es gibt andererseits keinen anderen Weg, mit ihnen fertig zu werden. Man kann Konflikte nicht lösen, indem man ihnen ausweicht.
Weitere Anfangsprobleme betreffen die Kontaktsuche und die Raumfrage.
Zur Gruppenzusammensetzung gibt es einige Erfahrungen. Männer und Frauen sollten möglichst gleich verteilt sein, da sie sehr unterschiedlich mit Gefühlen umgehen.
Die Selbsthilfegruppen bauen auf
einer gleichberechtigten Beziehung auf. Das ist für die Wirksamkeit dieser
Methode außerordentlich wichtig.
Wer Mitglied einer Selbsthilfegruppe geworden ist, entwickelt
oft einen Antiprofessionalismus, das heißt eine Tendenz, mit Experten nach
Möglichkeit nicht mehr in Berührung zu kommen. Das hat häufig seine konkreten
Gründe in den realen Enttäuschungen angesichts einer katastrophalen Versorgungslage.
Man sollte aber auch bedenken, daß es nicht ganz einfach ist, die übliche
Patientenrolle aufzugeben. Man verzichtet damit auch auf die als mächtig und
beschützend erlebten TherapeutInnen, die wie Idealfiguren mehr Sicherheit zu
bieten schienen. Man verzichtet auf die Befriedigung von Abhängigkeitswünschen.
So ist die alte Beziehung zum Arzt, dem man sich ja eher als schwaches Kind
anbieten kann, auch eine Art ständiger Versuchung.
Es gibt kaum einen Bereich, in
dem Selbsthilfegruppen nicht außerordentlich viel zur psychosozialen
Gesundheit, zur Genesung von seelischen und körperlichen Erkrankungen oder zur
seelischen Verarbeitung chronischer Schäden beitragen können.
Zahlreiche Körpererkrankungen
haben ja ihre Bedingungen auch in seelischen Ursachen. Im übrigen hat jede
schwere körperliche bedingte Erkrankung tiefe und oft nur schwer überwindbare
seelische Auswirkungen. Insofern wären Selbsthilfegruppen in allen
medizinisch-klinischen Bereichen sehr hilfreich.
Im Bereich der psychosozialen und
psychiatrischen Versorgung ist die Anwendung der Selbsthilfegruppen praktisch
nicht beschränkt.
(Quelle: Zur Bildung von Selbsthilfegruppen. Ein Erfahrungsbericht für Teilnehmer und Experten von Prof. Dr. med. M.L. Moeller, Psychiat. Prax. 4 (1977) 197 - 212, Georg Thieme Verlag Stuttgart)
Im Vergleich zu anderen Selbsthilfe-Vereinigungen in Deutschland sind Stotterer-Selbsthilfegruppen relativ "dünn gesät". Dies hat mehrere Gründe. Einige, die meines Erachtens in besonderem Maße zutreffen, möchte ich im folgenden kurz skizzieren:
Was bleibt bezüglich der Zusammensetzung einer Stotterer-Selbsthilfegruppe unterm Strich festzuhalten? Der gesellschaftlich-integrierte Stotternde, der auch außerhalb der Selbsthilfe Anerkennung und Wertschätzung findet, wird wohl kaum Interesse haben, der Selbsthilfe aus Gründen der Sozialisation beizutreten. (Andere Interessen könnten sein: Suche nach alternativen Stottertherapien, das Bedürfnis zu helfen, Profilierung, finanzielle Selbstbereicherung.) Dem gesellschaftlich-außenstehenden Stotternden, der seit Jahren zurückgezogen gelebt und sich bis dato nicht getraut hat, sich in eine für ihn zunächst unbekannte Menschengruppe zu begeben, bietet die Selbsthilfe einen wichtigen Schonraum, der es ihm erlaubt zu lernen, auf andere Menschen zuzugehen. Bleiben noch zu erwähnen zum einen der sich persönlich weiterentwickelnde Stotternde, der die Selbsthilfe wieder verläßt, sobald er seinen Entwicklungsprozeß abgeschlossen hat und damit für den so dringend notwendigen personellen Austausch innerhalb von Selbsthilfegruppen sorgt, zum anderen Stotternde und auch viele Nicht-Stotternde, die einen Beitritt in die Stotterer-Selbsthilfe von einer reinen Kosten-Freizeitnutzen-Kalkulation abhängig machen.