Van Riper

 

Stabilisierung

Eine abschließende Phase im Gesamtplan der Therapie ist besonders der Festigung und Stabilisierung der neuen Verhaltensformen gewidmet, die der Stotterer nun gelernt hat, um auf die Bedrohung oder das Auftreten des Stotterns zu reagieren.

Notwendigkeit einer Stabilisierungsphase

In der Psychologie gibt es ein altes Gesetz, das man folgendermaßen formulieren kann: Wenn zwei gelernte Reaktionen heute gleich stark sind, dann wird die ältere Morgen stärker sein.

Die ganze Geschiche der psychologischen Forschung hat gezeigt, daß angstkonditionierte Vermeidungsreaktionen sich stets als sehr resistent gegen eine vollständige Löschung erwiesen haben.

Unter großem Streß oder bei Ermüdung oder zu Zeiten, in denen das Selbstgefühl des Stotterers sehr gering ist, ist es sehr wahrscheinlich, daß die latente Kraft dieser alten Reaktionen sich wieder manifestiert.

Selbstkonzepte ändern sich nicht über Nacht oder innerhalb eines Jahres.

Überdies mögen alte Bekannte sich zwar freuen, wenn sie die neue Sprechflüssigkeit bemerken, aber in vieler Hinsicht werden sie so reagieren, als wäre der Betreffende noch der alte Stotterer. Dazu kommt, daß dann, wenn der Stotterer sich nicht länger durch eine beeinträchtigte Sprechweise behindert fühlt, wenn er keine Entschuldigungen mehr hat, um die Anforderungen des täglichen Lebens zurückzuweisen, es Zeiten gibt, wo er sich fast überwältigt fühlt von diesen neuen Anforderungen und fast wünschen mag, daß der wieder stottert.

In dieser Zeit tauchen auch neue Probleme auf, die direkt auf das Sprechen bezogen sind. In der ersten schönen Flut seiner neugefundenen Sprechflüssigkeit entdeckt der Stotterer, daß es sehr schwierig ist, sein Sprechen zu überwachen. Er will nicht an das Stottern denken; er möchte nur sprechen, sprechen und nochmals sprechen. Oft steigert sich auch seine Sprechgeschwindigkeit bis zu einem Punkt, wo, wenn sich Momente der Erwartung oder des tatsächlichen Auftretens von Stottern ergeben, diese mißachtet werden.

Irgendwie muß ein gewisses Maß an Überlernen in den Therapieplan eingearbeitet werden, so daß, wenn eine Abnahme der Verstärkung einen gewissen Verfall der Stärke des neuen flüssigen Stotterns zur Folge hat, das letztere noch immer stark genug ist, um dem Wettbewerb mit dem alten Stottern standhalten zu können. Ein anderer Grund für die Notwendigkeit eines Stabilisierungstrainings kann man in der Art des normalen Sprechens sehen, das der Stotterer hat, wenn er flüssig geworden ist.

Stotterer haben einen Defekt bezüglich der Satzorientierung, bezüglich der Fähigkeit, sich in supramorphemischen Einheiten auszudrücken. Sie haben kein gutes Gefühl für die normale Prosodie.

Aktivitäten in der Stabilisierungsphase

Rekonfiguration der Sprechflüssigkeit

Um die Neigung zu überwinden, in kleinen Segmenten zu sprechen, und die Löcher und Lücken an den Stellen in seinem Sprechen, wo das Stottern gewesen war, zu beseitigen, wird der Stotterer aufgefordert, Programme zu planen, die dies bewirken.

Schattensprechen in der Stabilisierungsphase

Zu lernen, mit einem anderen Menschen schattenzusprechen, d.h. fast gleichzeitig mit dem anderen nachzusprechen, sobald sein Sprechen hörbar wird, ist eine Fertigkeit, die nicht immer einfach zu meistern ist.

Prosodie und Formolierung

Statt einzelne Wörter, bei denen er stottert, nachzubessern, sollte der Stotterer nun ganz Phrasen und Sätze nachbessern.

Zusammenhängendes Sprechen

Steigerung der Sprechgeschwindigkeit

Van Riper hat festgestellt, daß das Training des Stotterers in der Steigerung seiner maximalen Sprechgeschwindigkeit dazu beiträgt, seine vorbereitenden Einstellungen zu automatisieren, besonders, wenn zur gleichen Zeit Verdeckungsgeräusche oder andere Hilfsmittel eingesetzt werden, um die propriozeptive oder visuelle Rückmeldung zu intensivieren, wobei nicht empfohlen wird, daß der Stotterer insgesamt schneller spricht.

Spiegeln

Wenn ein Stotterer in einem Gespräch mit einem Freund oder einem Fremden einfach das wiederholt, was sie gesagt hatten, fanden sie ihn sehr verständnisvoll, mochten und akzeptierten ihn deswegen. Was auch immer der Grund dafür sein mag, die Fähigkeit die Gefühle, die ein Gesprächspartner ausdrückt, in eigenen Worten zu fassen, scheint dem Stotterer zu helfen, weniger brüchig zu sprechen.

Automatisierung der Einstellungen und Strategien

En weiteres Hauptziel der Stabilisierung ist es, den Stotterer von der Notwendigkeit zu befreien, sich mit jedem einzelnen Moment der Bedrohung oder Erfahrung von Stottern zu beschäftigen.

Vorbereitung auf Kontigenzen

Weil Stotterer so lange dazu geneigt haben, unangenehme Sprecherfahrungen zu verdrängen, (das mag auch für die angenehmen Sprecherfahrungen gelten wegen ihrer Furcht, daß neue Hoffnungen nur entstehen, um später wieder enttäuscht zu werden, und weil es ihnen ohnehin schwerfällt zu verbalisieren), meinen wir, daß es sehr wichtig ist in dieser Stabilisierungsphase, sie zu lehren, ihre Erfahrungen in Worte zu fassen. Stotterer müssen nicht nur lernen, wie man mit anderen, sondern auch, wie man mit sich selbst spricht.

Generalisierung

Ein anderes Hauptziel der Stabilisierungsstufe ist, sicherzustellen, daß die neuen Reaktionen an eine große Anzahl und einen weiten Bereich von Reizen gekoppelt werden.

Löschung von Ängsten

Eine andere Gruppe von Aktivitäten konzentriert sich auf die weitere Löschung von Wort- und Lautängsten.

Das Sprechen hat mehrere Funktionen: Die Selbstdarstellung, die soziale Kontrolle, die Formulierung von Gedanken, der Ausdruck von Gefühlen und die Mitteilung von Botschaften. In der Stabilisierungsphase der Therapie wird gesorgt, daß die Stotterer einen breiten Raum haben, um alle diese Arten zu sprechen zu benutzen.

Wie mit den einzelnen Wörtern wurde hier das Prinzip der massenhaften Übung angewendet.

Kernsituationen der Stabilisierung

Um zu verhindern, daß die Grundstrategien der Nachbesserung und der leichten Befreiung undeutlich werden, weil es nicht mehr genug Gelegenheit gibt, sie zu benutzen, wird auch hier Pseudostottern benutzt.

Ausbildung von Puffern

Das Stabilisierungstraining umfaßt auch die Ausbildung von höheren Barrieren für die Arten von kommunikativem Streß, gegen die der Stotterer besonders empfindlich ist.

Sie müssen einen undurchdringlichen Wall gegen auslösende und irrationale Reaktionen auf eine etwas grausame Umwelt in ihre emotionale Verfassung einbauen.

Überdies kommen sie dazu, die Zustände kommunikativer Belastung nicht als Bedrohungen, sondern als Herausforderung zu sehen.

Widerstandstherapie

In diesem Endstadium der Therapie hat Van Riper festgestellt, daß es nützlich ist, dem Stotterer zu helfen, der Suggestion zu widerstehen, daß Stottern unvermeidlich ist, wenn er gewisse situative oder phenemische Hinweisreize wahrnimmt, die das Auftreten von Stottern wahrscheinlich erscheinen lassen.

Auf alle Fälle ist die Tatsache klinisch erwiesen, daß es eine Fähigkeit gibt, der Bedrohung durch das Stottern zu widerstehen, und es sollten Möglichkeiten gesucht werden, das in der Therapie auszunutzen.

Wiederherstellung des Selbstbildes

Eines der Probleme, das der Stotterer in der Endphase der Therapie erlebt, betrifft das Selbstbild. Jahrelang hat er sich als Stotterer definiert, als einen abweichenden Menschen. Jahrelang hat er unter einer Persönlichkeitsspaltung gelitten. Sein Körperbild war verzerrt; die Übernahme von Rollen war eingeschränkt. Die schweren Stotterer erleben in der Regel einige intensiven Konflikte, wenn sie feststellen, daß sie flüssig sind. Wenn sie feststellen, daß sie von neuen Bekannten als normaler Sprecher akzeptiert werden, mißtrauen sie leicht dieser Akzeptanz und machen sich Sorgen darüber, was passieren wird, wenn sie ihr „wirkliches stotterndes Ich“ wieder zeigen. Es ist deswegen unverzichtbar, daß in der Stabilisierungstherapie etwas getan wird, um dem Stotterer zu helfen, mit dieser und anderen Schwierigkeiten, die mit der Revision des Selbstbildes zu tun haben, fertig zu werden.

Einmal Stotterer, immer Stotterer?

Van Riper findet, daß eine solche defätistische Position weder besonders logisch noch sonst irgendwie wertvoll ist. Wie darf ein Therapeut es wagen, den menschlichen Möglichkeiten eine Grenze zu setzen? Er ist ganz zufrieden, wenn der Stotterer ihm mit dem Selbstkonzept verläßt, daß er flüssiger Stotterer ist, aber er zieht es vor, daß er zwischen dieser und der Rolle eines normalen Sprechers hin- und herschwankt.

Beendigung der Therapie

Es gibt auch in der besten Therapie noch immer etwas zu tun, aber ein gesunder Respekt vor dem Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen und eine wache Kenntnis der Möglichkeiten, die alle Menschen haben, sich selbst - und ohne Hilfe - zu heilen, wird das Abschiednehmen erleichtern.

Van Riper