Literatur

 

Wolfgang Wendlandt
Stottern ins Rollen bringen

Im folgenden möchte ich dem/ der interessierten LeserIn eine Zusammenfassung des obigen Buches anbieten. Ich möchte darauf hinweisen, dass eine Durchsicht dieser Seite den Erwerb des vollständigen Buches nicht ersetzt.

 

Veränderungsprinzipien für den Abbau des Stotterns

Kiesel sind keine Wundermittel! Kiesel haben konkrete Auswirkungen auf das stotternde Sprechen. Dies läßt sich erklären.

Welche Prozesse müssen überhaupt eingeleitet werden, damit sich langjähriges Stottern verändern kann? Im folgenden werden allgemeine Prinzipien der Veränderung in Selbsthilfe und Therapie aufgezeigt, die verantwortlich dafür gemacht werden können, daß das Stottern ins Rollen kommt.

Veränderungsprinzip 1: Verbesserung der Selbstwahrnehmung

Durch Kiesel im Mund kommt es automatisch zu einer Verbesserung der Selbstwahrnehmung: Die an der Artikulation beteiligten Sprechwerkzeuge werden deutlicher gespürt. Die Berührungsreize der Kiesel im Mundraum, an den Lippen, an der Zunge und den Zähnen lenken die Aufmerksamkeit auf ein bisher ausgeblendetes Wahrnehmungsfeld. Die Konzentration des Stotternden kann sich nun auf feinmotorische Bewegungsabläufe beim Sprechen richten, auf den Krafteinsatz der Muskeln, auf den Wechsel von Anspannen und Loslassen beim Anbilden von Lauten. Signale aus dem Mundraum werden gespürt, die bisher unterhalb der Wahrnehmungsschwelle lagen. Sprechen und Stottern werden deutlicher in ihrer Körperlichkeit erfahren. Und das ist ein wichtiger Schlüssel für den Erfolg symptomorientierter Behandlungsansätze: Erst mit dem exakten Wahrnehmen der Körperlichkeit des eigenen Stotterns ist eine Chance für einen überdauernden Symptomabbau gegeben. Erst mit der Verbesserung der Selbstwahrnehmung wird eine gezielte Einflußnahme auf den Sprech- und Stotterablauf möglich.

Gelingt es, ein zentrales Merkmal der individuellen Sprechweise zu verändern, so kommt es damit zu einer deutlichen Symptomabnahme.

Veränderungsprinzip 2: Reduktion des Sprechtempos

Mit Steinen im Mund läßt sich nur langsam sprechen, will man nicht Gefahr laufen, die Kiesel ganz schnell zu verlieren. Kiesel drosseln erfolgreich das bei vielen Stotternden vorhandene überhöhte Sprechtempo bzw. den Impuls zu einem überhasteten Voranschreiten im Sprechablauf.

„Tempoverlangsamung“ ist heute eines der bekanntesten Veränderungsprinzipien in der Arbeit am Stottern. Alle Sprech-Übungsbehandlungen machen sich dieses Prinzip zunutze. Auf ihm gründet maßgeblich der Erfolg bei einem Großteil der unterschiedlichsten Sprechhilfen.

Veränderungsprinzip 3: Ausführung deutlicher Artikulationsbewegungen

Wer mit Kieseln redet und verstanden werden will, muß den Mund sehr beweglich halten. Kiesel erzwingen die Ausführung deutlicher Artikulationsbewegungen. Sie führen den Sprechenden ganz unwillkürlich dazu, sich einer ausgeprägten Mundmotorik zu bedienen. Und gerade an ihr mangelt es manchem Stotternden: Er bekommt seine Kiefer nicht auseinander oder bewegt die Lippen kaum, spricht verwaschen und undeutlich. Oder das Festhalten von Anspannungsreaktionen, das Starrwerden bei sogenannten „fixations“ zeigt, wie schwer es Stotternden fällt, in weiche Bewegungsabläufe überzuwechseln. Ein deutliches Sprechen ist immer ein weich-bewegtes Sprechen, die Muskeln sind nicht verkrampft, nicht hart, sondern elastisch und locker.

Veränderungsprinzip 4: Gliederung des Sprechablaufs

Bei Demosthenes mag sich im gleichmäßigen rhythmischen Brandungsgetöse ein natürlicher Rhythmus von Sprechen und Pause, von Ausatmen und Einatmen, von Spannung und Entspannung eingestellt haben, was zu einer Verkürzung der Sprecheinheiten geführt haben dürfte, ein Ziel, das auch heute für viele Stotternde relevant ist: Sie lernen, die Anzahl der Wörter pro Ausatmungsphase zu reduzieren und Pausen zwischen Sprecheinheiten zu verlängern.

Veränderungsprinzip 5: Tönender Stimmeinsatz

Demosthenes muß es mit freudigem Erstaunen erfüllt haben, als sich seine Stimme angesichts der Geräusche am Meeresufer von einem zarten Stimmchen oder einer harten, konsonantenbetonten Sprech- und Stotterweise, wie sie ihm vielleicht eigen war, zu einem tönenden Reden entfaltet hat, bei der die Vokale betont werden und der Klang der Stimme weit zu tragen vermag.

Die Bedeutung des Stimmfaktors für den Stotterabbau steht heute außer Frage.

Veränderungsprinzip 6: Effekt des maskierenden Rauschens

Die hohe Frequenz des Meeresrauschens mag die Wirkungsweise des sogenannten „weißen“ Rauschens vergleichbar gewesen sein. In unserem Jahrhundert konnten Forscher in vielen Experimenten belegen, daß bei der Gruppe der Stotternden ein drastischer Symptomrückgang bis hin zu völliger Flüssigkeit eintritt, wenn die Wahrnehmung der eigenen Stimme unterbunden wird und zwar durch die Beschallung der Ohren mit einem hochfrequenten Rauschen bestimmter Intensität: Dieses sogenannte Masking-Verfahren verhindert die akustische Rückmeldung des Gesprochenen nicht nur über die Luftleitung, sondern auch über die Knochenleitung des Innenohrs.

Veränderungsprinzip 7: Regulation des Atemablaufs

In der Gischt, ganz umsprüht von Wassertropfen muß kräftig geatmet werden, um genügend Sauerstoff zu bekommen. Die Luft muß tief eingeatmet werden, bis in den Bauch. Außerdem richtet sich der Mensch dabei auf, ganz automatisch, er streckt den Hals und Kopf in die Höhe. Und wenn er dann auch noch tönend reden will, dann geht das nicht ohne einen physiologisch richtigen Atemablauf - dann hat eine Hochatmung, Flachatmung oder Hyperventilation keine Chance mehr.

Gelingt es, den Atemablauf zu regulieren, dann hat auch das Stottern kaum noch eine Chance. Jeder Stottertherapeut kennt diesen wichtigen Hebel zur Veränderung des Stotterns.

Veränderungsprinzip 8: Verbesserung der Körperentspannung

Am Meeresufer finden wir Menschen eine Kulisse, angesichts derer wir leichter zu uns selbst gelangen und zu einer meditativen Ruhe und Selbstversenkung finden können. Wir spüren dann unser Getriebensein, nehmen unseren Körper wahr und können unsere Anspannungen lösen. Der Stimmansatz wird weich, unnötiger Krafteinsatz beim Reden unterbleibt.

Auch heute stellt der systematische Einsatz von Entspannungsmethoden eine wichtige Bereicherung in der Stottertherapie dar. Dabei kann der Betroffene auch in Alltagsituationen zu entspannen lernen, nicht nur im stillen Kämmerlein, wenn er zu einem wachen In-sich-hinein-Spüren gelangt.

Veränderungsprinzip 9: Steigerung der Expressivität

Stottern zeigt sich nicht nur in einem unflüssigen Redeablauf, sondern oft auch in einem unflüssigen gesamtkörperlichen Ausdruck: Mimik und Gestik wirken dann gebremst oder maskenhaft, Bewegungsabläufe stocken bei der Kontaktaufnahme, die Haltung ist fest, die Stimme versiegt, der Redeimpuls bricht ab oder die Mitteilungsbereitschaft kommt nur zögerlich daher. Die Expressivität ist also eingeschränkt, die Bezogenheit auf den Kommunikationspartner reduziert - sicherlich Begleiterscheinungen eines langjährigen Stotterns. In der Therapie ginge es in solchen Fällen darum, die Ausdrucksfähigkeit und Ausdruckskraft der Klienten zur Entfaltung zu bringen: Ihre Bewegungsfreude, ihre Stimme und Körpersprache. Mit der Zunahme der Expressivität wächst auch die Gewißheit, die Zuhörer erreichen zu können. Und indem sich das Interaktionsverhalten zum Gegenüber wandelt, kann auch der Gesprächspartner offener und unbefangener reagieren.

Veränderungsprinzip 10: Abbau der Stotterangst

Mit Hilfe der Kieselsteine hat es Demosthenes in genialer Weise verstanden, mit seinem Gefühl des Andersartigseins umzugehen: Er hat sich neben dem Stottern eine andere Auffälligkeit zugelegt (in den Mund gelegt) und sie sich dann auch, was wichtig ist, zugestanden. Er hat sich nicht ins Schweigen zurückgezogen - die sicherste Methode, um umauffällig zu bleiben. Er hat sich auch nicht angestrengt, wohlangepaßt und nett auszusehen, immer auf Anerkennung bedacht. Er hat das getan, wovor sich die meisten Stotternden fürchten, er hat sich bewußt mit seiner Auffälligkeit präsentiert, statt sie zu verstecken.

Dieses Prinzip wird heute in noch direkterer Form konsequent in den Non-Avoidance-Ansätzen zur Therapie des Stotterns praktiziert. Die Stotternden lernen, ihre Auffälligkeit Stottern zuzulassen. Indem sie die eigene Symptomatik zu zeigen wagen bzw. unbefangen mit Absicht stottern, fällt all ihr krampfhaftes Bemühen weg, ja nicht zu stottern. Und wenn ein Großteil der Anstrengungsreaktionen beim Stottern wegfällt, verflüssigt sich dieses, wird weich und locker, nimmt in seiner Häufigkeit und Stärke drastisch ab.

Veränderungsprinzip 11: Abbau der Sprechangst

Wer schon jahrelang stottert, hat nicht nur Angst vor dem Auftreten des Stotterns, sondern oft auch Angst, überhaupt zu sprechen. Es treten Hemmungen auf, öffentlich das Wort zu ergreifen. Und bald machen sich Befangenheit und Scham in alltäglichen Kommunikationssituationen breit.

„Abbau der Sprechangst“ bedeutet genau das zu tun, was Angst macht.

Auch heute müssen Stotternde genau das tun, wovor sie Angst haben, um die Angst zu verlieren.

Nicht die Veränderung des Sprechens, sondern der Abbau der Angst vor dem Sprechen ist meist das schwierigere Problem auf dem Weg hin zu einem überdauernden Erfolg.

Veränderungsprinzip 12: Veränderung des Selbstkonzeptes

Veränderungen des Sprechens und der Kommunikation können beim Stotternden nur dann überdauern, wenn es gleichzeitig auch zu einem Wandel in seinem Selbstkonzept kommt. Das bedeutet, die eigene Rolle als sprechender Mensch neu zu definieren, die eigenen Handlungsmöglichkeiten realistischer wahrzunehmen und sich offener und flexibler auf die Lebensumstände einzustellen.

Es gilt anzufangen, sich an kleinen Veränderungen zu freuen und seine Stärken zu entdecken.

Veränderungsprinzip 13: Überwindung von Vermeidungshaltungen

Dem Stottern zu Leibe rücken heißt: Mutig an neue Türen klopfen und wagen, sich auf neue Begegnungen einzulassen. Es heißt: Handeln, ausprobieren, aktiv sein, Kontakt machen, reden, reden und nochmals reden; und zwar, ohne auf die Güte des eigenen Sprechens zu achten. Nicht wie gesprochen wird ist wichtig, sondern daß überhaupt gesprochen wird.

Das gelingt nur, wenn man sich von untauglichen Überzeugungen getrennt hat und alte Handlungsgewohnheiten aufgibt. Zu ihnen gehören Vermeidungshaltungen, die sich bei einer langjährigen Stottergeschichte in reichlichem Ausmaß angesammelt haben. Vermeidungen treten zuweilen auch im depressiven Gewand einer sehr eingeschränkten und pasiven Lebensgestaltung auf, das Stottern wird dann dafür verantwortlich gemacht, daß angestrebte Lebensziele nicht erreicht werden.

Tue heute, was dir wichtig ist, warte nicht ab, bis das Stottern verschwunden ist. Lebenszeit läßt sich nicht auf „irgendwann einmal“ verschieben!

Veränderungsprinzip 14: Hohe Veränderungsmotivation und Arbeitsintensität

Langjähriges Stottern läßt sich nur erfolgreich abbauen, wenn die Betroffenen erfüllt sind vom Willen zur Selbstveränderung und wenn sie bereit und in der Lage sind, über einen längeren Zeitraum Kraft für diesen langwierigen Weg einzusetzen.

Die Arbeit am Stottern entwickelt sich zur Arbeit an der ganzen Person. Das „Sich-verändern“ läßt sich nicht reduzieren auf ein „Sprich in einer anderen Art und Weise!“ Vielmehr geht es darum, den Blick für sich selbst zu weiten, persönlichen Lebenshaltungen und Handlungsgewohnheiten zu hinterfragen und ggf. die eigene Bezugnahme zur Welt neu zugestalten. Das braucht Zeit und Selbstvertrauen - und mitunter auch Disziplin.

Veränderungsprinzip 15: Den persönlichen Weg entdecken

Veränderungen des Stotterns, Veränderungen der Person bedürfen eines ganz individuellen Zuschnitts. Sie folgen den Duftmarken des persönlichen Lebensweges, Spuren gleich, die eine unverwechselbare Fährte zeichnen. Veränderungen, die überdauern sollen, müssen passen. Sie dürfen keine Nummer zu groß, aber auch nicht zu klein sein. Es gilt herauszufinden: Welche individuellen Bedingungen müssen gegeben sein, damit jemand Mut und Lust bekommt, sich zu verändern? Wie muß ich als Stotternder, bzw. als Stotternde mein alltägliches Umfeld gestalten, um genügend Sicherheit zu erlangen, spielerisch neue Schritte der Kommunikation in das Leben hinaus erproben zu können? Wen suche ich als Unterstützer, welche Beziehung trägt mich bei meinen Veränderungsbemühungen? Auf welche Stärken in mir selbst kann ich zurückgreifen?

Veränderungsprinzip 16: Umgang mit Mißerfolgen und Rückschlägen

Neben Erfolgen gibt es auch die Mißerfolge. Sie stellen sich in jeder Therapie und Selbsttherapie ein - oft und immer wieder. Sie gehören zu einem längeren Veränderungsprozeß wie das Salz zur Suppe. Statt sie zu fürchten, sollten wir sie in Ruhe erwarten. Erst wenn wir mit ihnen rechnen, bleibt die Panik aus. Erst dann können wir mit ihnen konstruktiv umgehen. So sollten Stottertherapeuten z.B. Sorge tragen, Klienten auf Rückfälle vorzubereiten. Experten, die dies nicht tun, sind unseriös.

Unerwartet starke Symptome oder plötzliche Rückfälle müssen nicht als Boten des Bösen angesehen werden. Sie können vielmehr als Vorboten der Achtsamkeit begriffen werden. Sie machen auf etwas aufmerksam, das übersehen worden ist oder nicht wahrgenommen werden wollte. Sie zeigen, wo man in seinem Kontakt noch verletzlich ist, signalisieren, daß in einer Gesprächssituation etwas nicht stimmt, daß die eigenen Erwartungen an gutes Sprechen z.B. unrealistisch hoch waren, daß die zwischenmenschlichen Beziehung zum Gegenüber angespannt ist, vielleicht ein berechtigter Ärger zurückgehlaten wird oder zu sehr nach Anerkennung geschielt worden ist. Leise, aber unmißverständlich, mahnen uns manchmal Mißerfolge, unsere Veränderungsbemühungen intensiver voranzutreiben, mehr zu wagen oder häufiger die Übungen durchzuführen. Oder es wird einem bewußt, daß er nicht nur aufs Stottern schauen sollte, sondern auf die eigene momentane Lebenssituation insgesamt, die dringend wohltuender Veränderungen bedarf.

 

Rückfall- Was nun?

Wie steht es mit Rückfällen in der Selbsthilfearbeit und Therapie des Stotterns?

Jeder will geheilt werden. Alle sehnen sich nach Erfolgen. Stottern soll verschwinden - ganz und gar! Wen wundert es da, wenn Stotternde und Therapeuten gleichermaßen nach „Knüllern“ Ausschau halten, die auf dem Behandlungsmarkt verlockend glänzen. Die Effektivität ist gefragt. Der Erfolg der jeweiligen Methode zählt.

Alle redne vom Fortschritt. Keiner rdet von Rückschritten. Diese werden ja in der Therapie und Selbsttherapie „Rückfälle“ genannt.

Rückfälle sind ein Wiederanknüpfen an einen altvertrauten Zustand - wie ein Noch-einmal-Verweilen-im-Gestern. Aber ein Rückfall führt nicht wirklich zurück in die Vergangenheit, führt nie zurück auf die gleiche Stufe wie früher, auch wenn das Stottern in gleicher Stärke wieder auftritt: Niemals können die positiven Erfahrungen verloren gehen, die mit den bereits erzielten Veränderungen einhergegangen waren. Immer bleibt ein Wissen  von den bereits erarbeiteten Veränderungsmöglichkeiten gegenwärtig. Und die Gewißheit ist vorhanden, eigene Ängste überwunden, mehr Kommunikation gewagt und Sprechübungen erfolgreich eingesetzt zu haben.

Dauerhafte Veränderungen sind in der Selbsttherapie und Therapie des Stotterns nicht auf geradem Weg zu erreichen: Sie lassen sich an keinem Schalter buchen und wie auf Schienen im Eilzugtempo erreichen. Veränderungen führen über gewundene Pfade, die wie bei einer Bergwanderung ansteigen und abfallen. Und auch wenn der Gipfel in den Wolken verschwunden ist - ihn gibt es weiterhin, und der Weg bergan führt im entgegen.

 

Klärungsprozesse

Rückfälle wird es in jeder Selbsttherapie und Therapie geben. Man muß lernen, mit ihnen umzugehen. Voraussetzung hierzu ist, sich  erst einmal über das Wesen des Rückfalls klar zu werden. Woran macht man den Rückfall fest:

·       zunehmende Häufigkeit von Stottersymptomen?

·       mangelnde Kontrolle der Stottersymptome (Versagen der Sprechhilfen)?

·       zunehmende Angst vor dem Stottern

·       wiederauftretende sprachliche Vermeidungstricks

·       erneutes Vermeiden bereits bewältigter Sprechanforderungen

Vielleicht ist das, was man einen Rückfall nennt, etwas ganz anderes: Ausdruck einer üblichen Schwankung in einem langwierigen Veränderungsprozeß. Nur weil das positive Kommunikationsverhalten nicht immer gezeigt werden kann, macht die eigene Ungeduld und eigene Selbstvorwürfe einen Rückfall daraus.

Treten die Schwierigkeiten überall auf? Oder handelt es sich um ganz bestimmte Sprechsituationen. Wie kann mit diesen besonderen Situationen anders umgegangen werden? Sind die eigenen Ansprüche an gutes Funktionieren und fehlerfreies Auftreten in diesen Situationen überhaupt gerechtfertigt?

Vielleicht sind auch generell die eigenen Ansprüche gestiegen: Wer so richtig zügig voranschreitet in der Selbstveränderung, vergißt nur allzuschnell, wie’s früher war.

Vielleicht wurde wieder begonnen, ohne es recht zu merken, schwierigen Kommunikationssituationen aus dem Weg zu gehen. Vielleicht ging dies eine Weile gut, bis dann der Tag kam, an dem eine befürchtete Situation nicht mehr vermieden werden konnte und schlagartig ein Gefühl tiefen Versagens aufgetreten ist.

Ist der Rückfall ein Hinweis darauf, danß man zu leichtsinnig war und geglaubt hat, sich nicht mehr intensiv mit dem Sprechen, dem Stottern und den Beziehungen zu Mitmenschen auseinandersetzen zu müssen?

Vielleicht ist es aber auch gerade anders herum: Vielleicht schlummert in einem das Bedürfnis, ein wenig ausruhen und sich selbst Ruhe gönnen zu wollen. Der Wille ist stark, aber das Fleisch ist schwach. Ein Rückfall ermöglicht ein Innehalten im ständigen Ankämpfen gegen das Stottern. Er erzwingt eine Ruhepause.

Vielleicht gibt es im eigenen aktuellen Leben belastende Umstände, die zur Zeit besonders drücken und einen selbst in Anspannung versetzen. Ist da nicht das verstärkte Stottern nur der logische Ausdruck der allgemein angespannten Lebenssituation. Müßte nicht vorrangig erst einmal die Verbesserung der allgemeinen Lebenssituation in Angriff genommen werden, bevor eine Verbesserung des Sprechens erwartet werden kann?

Es braucht ein Weilchen, bis diese Punkte geklärt werden können. Damit das Nachdenken nicht in ein mühseliges Grübeln abgleitet, ist es hilfreich, mit anderen Menschen über dieses Thema zu sprechen.

Es besteht eine geschichtsträchtige Verknüpfung zwischen der deutschen Stotterer-Selbsthilfebewegung und dem Thema Rückfall. Trotzdem fehlen systematische Abhandlungen zum Thema Rückfall in der deutschsprachigen Stottererliteratur. Es finden sich aber hier und da vereinhelte Gedanken:

Van Riper hebt die Bedeutung eines alten psychologischen Gesetzes hervor: Wenn zwei Verhaltensgewohnheiten die gleiche Stärke aufweisen, dann wird diejenige zukünftig die Oberhand gewinnen, die älter ist, die früher erworben wurde und damit schon eine längere Zeitspanne besteht.

Fraser warnt den Stotternden vor einer allgemeinen Tendenz zu überhöhten Erwartungen an sich selbst: Bemühe Dich ja nicht zu früh, immer wieder viel zu viel und zu gut sprechen zu wollen, und stelle an Dein Sprechen keine übergroßen Ansprüche, die doch niemals zu erfüllen sind!

Freund betont, es gebe keine perfekte Heilung: „Normalerweise bleiben Spuren von der Störung zurück, und es treten Rückfälle ein. Rückfälle sind unvermeidlich und sind zu erwarten, da es keine narrensichere Methode gibt, sie auszuschließen. Die richtige Einstellung, Rückfällen und Rückschlägen zu begegnen, ist eine Haltung der Selbsttolerierung, des Hinnehmens der eigenen Schwächen und Grenzen und eine größere Objektivität gegenüber sich selbst und anderen. Das führt zu einer verminderten Empfindlichkeit.

Luper warnt eindringlich Stotternde davor, mit ihren Veränderungsbemühungen zu früh aufzuhören. Wenn sie einen gewissen Redefluß erreicht und etwas von der Angst verloren hätten, vergessen sie, „daß das Stotterverhalten in einem komplexen Verstärkungsprozeß über einen langen Zeitabschnitt gelernt worden ist. Sie unterlassen die Dinge (zu tun), die das neue Sprechverhalten (aufrecht)erhalten.“

Boehmler schreibt klipp und klar: „Rückfälle in alte Stotterweisen sind die Regel, nicht die Ausnahme. Bleib am Ball. Die Therapie muß solange fortgesetzt werden, bis neue Sprechweisen ebenso selbstverständlich und ebenso ein Teil von Dir sind, wie es vordem Dein Stottern war.“

Fiedler mahnt die Ehrlichkeit des Therapeuten an, der aufklären müsse darüber, „daß eine völige Symptomfreiheit durch eine Therapie nur sehr schwer erreichbar ist“, daß sich einstellende Verbesserungen im Sprechverhalten „situationsbedingt wieder zurückgehen können, ja, daß sogar Verschlechterungen zu erwarten sind.“ Therapeuten müßten nicht nur auf die Gefahr des Rückfalls hinweisen, der Klient, müßte darüber hinaus noch „in der Therapie auf den Rückfall vorbereitet werden.“

In einer seiner früheren Veröffentlichungen hat der Autor Wendlandt selbst dargelegt, wie wichtig die Bearbeitung möglicher Rückfälle in der letzten Phase einer Stotterbehandlung ist: Der Erfolg einer Therapie zeigt sich „nicht darin, wie gut jemand mit einer Sprechtechnik das Stottern bei Behandlungsende auszuschalten vermag, sondern wie flexibel einer Person auch nach Therapieabschluß der angstfreie Umgang mit dem eigenen Stottern gelingt.“ Die therapeutische Konsequenz aus dieser Überlegung ist ein gezieltes Traning unterschiedlicher Sprechweisen in belastenden Alltagssituationen: Die Klinienten trainieren gerade in der letzten Phase vor dem Behandlungsende parallel a) angstfreies Weiterstottern ohne Spannungszunahme, b) blitzschnelles Lösen von verkrampftem Stottern und Verflüssigen der Symptome, c) starkes Pseudostottern, d) Einsatz von Stotter-Kontrollreaktionen (Spannungsabbau bereits bei sich ankündigenden Spannungszuständen) und e) Einsatz von Sprechhilfen als präventive Sprechalternative. Wichtig bei dieser Vorbereitung auf die Zeit nach Therapieschluß ist „das willentliche Verfügenkönnen über unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten beim Sprechen und ... die Fähigkeit zum willkürlichen Umschalten von einer Sprechalternative zur anderen. Immer wird das mögliche Auftreten des Stotterns als selbstverständlich betrachtet.

 

Arbeitsschritte contra Rückfall

1. Das Veränderungsziel festlegen

Erneute Zuwendung an die motorische oder psychische Seite des Stotterns. Änderung des Denkens, der eigenen Ansprüche? Notwendigkeit von Ruhe, Entlastung, Erholung oder einer Verbesserung der gesamten Lebenssituation?

Manchmal liegt es nahe, mehrere Ziele festzulegen. Vorsicht: Nicht überfordern! Oft entdeckt man erst auf dem Weg zu einem Ziel, daß es nicht erreichbar ist, weil es in allzu großer Ferne liegt oder viel zu global gefaßt ist. Ein Ziel muß „naheliegend“ sein und konkret. Manchmal ist es auch notwendig, ein bereits festgelegtes Ziel zu verwerfen, weil es überholt ist, nicht mehr zu den eigenen sich wandelnden Einstellungen und dem aktuellen Fähigkeitsstand paßt.

2. Den Veränderungsweg planen

Ideen entwickeln, mit welchen Schritten sich dem gewählten Ziel angenähert werden kann.

3. Die Veränderungsschritte durchführen

Ein Zuwachs an Fertigkeiten verlangt regelmäßiges Training. Vereinzelte Versuche und halbherzige Anläufe bringen gar nichts. Tägliche Erfahrungen festigen die Sprechgeschicklichkeit und stärken die eigene kommunikative Sicherheit.

4. Sich an den eigenen Stärken orientieren

Auf der Hut sein vor der eigenen „negativen Brille“, die zum selbstquälerischen Herumnörgeln an der eigenen Person verleitet. Sich liebevoll bewerten. Nicht ständig auf das Starren, was nicht gelingt, sondern sich vielmehr auf die positiven Erfahrungen in Alltag konzentrieren. Augen aufhalten und die täglichen „Plus-Erfahrungen“ verbuchen.

5. Nicht vermeiden

Vermeiden ist der Anfang einer immer enger werdenden Spirale aus Selbstzweifeln und Minderwertigkeitsgefühlen. Diese Spirale kann schnurstracks in den Rückfall führen.

6. Den Ängsten ins Auge schauen

Ängste sind erlaubt, aber Vorsicht! Es dürfen sich damit keine Mißerfolgsphantasien einschleichen, die den Mut und die Risikofreude bremsen. Diese Phantasien können sich leicht zu festen Überzeugungen auswachsen. Wenn man in seiner Lebenshaltung im Moment auf Mißerfolge programmiert ist, wenn die Versagens-Angst vorherrscht, dann wird dies die Unflüssigkeiten steigern, dann wird es schwerlich möglich sein, sich locker zu (ver)halten und Gelassenheit aufkommen zu lassen. Auf die Angst zugehen! Um die Angst abzubauen, muß genau das getan werden, was Angst macht. Dabei wird es immer wieder zu der wundersamen Erfahrung kommen, daß die gefürchtete Katastrophe ausbleibt.

7. Stottere mit Absicht

Wer sich vornimmt absichtlich zu stottern, schaltet damit die Vermeidungshaltungen aus und baut die Angst vor den Mißerfolgen ab und die Peinlichkeits- und Schamgefühle, durch die das Hängenbleiben oft erst richtig quälend wird. Aber er/ sie wird auch geschickter im Umgang mit den sprechmotorischen Abläufen beim Stottern, lernt die Symptome willentlich zu produzieren, sie unter Kontrolle zu halten und sie willentlich zu beenden.

8. Erhöhe Deine sprechmotorische Sicherheit

Mit dem Umschalten experimentieren: Lernen, aus einer bestimmten Art und Weise des Sprechens blitzschnell in eine andere Sprechweise überzuwechseln. Harmlos anfangen, indem z.B. die Tonhöhe von „normal“ auf „etwas tiefer“ oder die Lautstärke von „normal“ auf „leiser“ gewechselt wird.

9. Zuwachs an Fähigkeiten sichern

Es wurden Fortschritte gemacht, bevor der „Rückfall“ aufgetreten ist. Fortschritte gehen immer mit einem Zuwachs an Fähigkeiten einher. Was sagen die bereits erzielten Fortschritte über die eigenen Fähigkeiten aus? Herausfinden, wo genau der Zuwachs der Fähigkeiten liegt. Diese Fähigkeiten sind nicht verloren, auch wenn Stottern auftritt.

10. Abschied von Gestern nehmen

Ein Rückfall tritt nicht selten dann auf, wenn ein Mensch gerade dabei war, eine neue Rolle in seinem Leben einzunehmen, ein neues Handlungskonzept für seine Zukunft zu entwickeln. So als müsse verhindert werden, daß ein Abschied vom Gestern stattfinden kann. Der Rückfall darf kein Grund sein, die neuen Lebensgeister aufzugeben. Stottern ist kein Hinderungsgrund, schon heute das Leben so zu leben, wie es gelebt werden will.

11. Verbündete gewinnen

Suche Dir einen Partner, mit dem Du über Dein Vorhaben sprechen kannst. Der Partner kann Dich moralisch, eventuell auch fachlich unterstützen.

Kiesel im Mund verändern das Sprechen, das Stottern. Das wirkt vielleicht geheimnisvoll, ist aber für Eingeweihte ohne Sensation. Denn es gilt als Binsenweisheit unter erfahrenen Stottertherapeuten: Verändere ein Merkmal der individuellen Sprechweise des stotternden Menschen, dann kommt es zu einer deutlichen Abnahme der Stotterhäufigkeit und -stärke.

Dieses Prinzip wird von den unterschiedlichsten sprachtherapeutischen Behandlungsansätzen genutzt. Sie nehmen Einfluß z.B. auf das Sprechtempo oder auf die Länge der Sprech-einheiten pro Ausatmungsphase. Auf die Sprachmelodie oder den Klang der Stimme, auf die Art des Stimmeinsatzes oder die Deutlichkeit der Artikulation, auf den Rhythmus oder die Lautstärke des Sprechens, auf den Krafteinsatz oder den Bewegungsablauf der am Sprechvorgang beteiligten Muskulatur, auf den mimisch-gestischen Ausdruck beim Reden oder auf die Haltung und die gesamtkörperliche Spannung. Eines oder mehrere dieser Merkmale werden systematisch verändert. Das ist eine wichtige Voraussetzung für Erfolg. Die Kiesel führen nicht zur Veränderung von einem, sondern von drei Merkmalen des Sprechens: der Selbstwahrnehmung, des Sprechtempos und der Artikulation.

Die Veränderung des Sprechens kann aber erst dann dauerhaft Fuß fassen und über den Stand nur kurzzeitig wirkender Effekte hinauskommen, wenn sich auch Einstellungen und Gefühle mitwandeln. Wenn auf eine neu erlernte Art und Weise mit dem Stottern und den es begleitenden Unsicherheiten und Ängsten umgegangen wird, können sich neue Handlungs- und Lebensweisen entwickeln. Dann gerät das Stottern ins Rollen. Und die Zuversicht wächst. Und Erfolge festigen sich.

Doch Veränderungen sind langwierig. Sie brauchen Zeit. Dabei sind Rückfälle notwendige Schritte auf dem Weg der Selbstveränderung, auf dem es gilt, zuversichtlich voranzuschreiten.

Leider gibt es in der Stotterlandschaft noch immer die Methodenfanatiker. Zu ihnen zählen zum einen diejenigen Stotternden, die sich mit glühenden Wangen ereifern, daß alle Betroffenen in der Selbsthilfegruppe genau auf das selbe Pferd zu setzen haben, das ihnen persönlich den Erfolg gebracht hat. Und zum anderen gehören diejenigen Stottertherapeuten dazu, die mit wissenschaftlichen Zitaten zu beweisen versuchen, warum das von ihnen propagierte therapeutische Konzept der „Königsweg“ für die Klienten ist.

Allzu schnell lassen sich die Menschen von der Faszination einer speziellen Methode zum Abbau des Stotterns verführen, sie werden - oft ohne es selbst zu merken, zu Götzenanbetern, schieben der Methode selbst die Macht zur Veränderung des Stotterns zu.

Nein! Wir brauchen kein Götzenanbeter.

Wir benötigen Stottertherapeuten, die für Klienten wichtig werden, weil sie bescheiden bleiben, weil sie ihr Handwerkszeug beherrschen und dabei doch über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen vermögen, Stottertherapeuten, die wichtig für ihre Klienten werden, weil sie ihnen Mut machen, neue Lebensschritte zu erproben und dabei auch einmal von den Früchten anderer Therapie-Gärten zu kosten.

Wir brauchen Stotternde, die nicht mehr auf ein Wunder von außen warten, Stotternde, die die eigenen Kräfte in sich selbst zu entdecken beginnen, die nie vergessen, daß die Veränderung des Stotterns ein Do-it-Yourself-Projekt ist, Stotternde, die mutig suchen und dabei Schritt für Schritt ihren eigenen Weg gehen.

Jeder sein eigener Demosthenes.

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