Literatur

 

Charles Van Riper
Die Behandlung des Stotterns

Im folgenden möchte ich dem interessierten Leser eine Zusammenfassung der ersten sieben Kapitel obigen Buches anbieten. Ich möchte darauf hinweisen, dass eine Durchsicht nachfolgender Seiten den Erwerb des vollständigen Buches nicht ersetzt.

 

Vorwort des Übersetzers

„Der Stotterer braucht nicht zu lernen, wie man flüssig spricht. Das tut er bereits die meiste Zeit. Was er wirklich wissen muß, ist, wie er mit seinem Stottern fertig wird“. In diesem Zitat aus dem vorliegenden Werk drückt sich einer der grundlegenden Standpunkte des Autors zum Stotterproblem aus. Eine weitere grundsätzliche Entscheidung, die zur Ausarbeitung des beschriebenen Therapieansatzes geführt hat, besteht darin, daß das gestotterte Sprechen als eine Abfolge von abnormen Sprechbewegungen gesehen wird, deren Gestalt schrittweise zu verändern ist. Van Riper vertritt die Meinung, daß es notwendig sei, die einzelnen Stotterereignisse in allen Einzelheiten zu verstehen und unter Kontrolle zu bekommen, bevor der Patient schließlich den gesamten Sprechakt in geeigneter Weise abändern kann.

Einleitung

Van Riper ist der Meinung, daß das Stottern einer umfassenden Therapie bedarf, einer Gesamtoffensive, wenn es durch eine klinische Intervention beeinflußt werden soll, und daß man es von allen Seiten und mit allen verfügbaren Waffen angreifen muß. Sein Standpunkt in der Therapie wie auch in der Theorie ist eklektisch.

Der Therapieplan

Die Van Riper-Methode verlangt viel vom Therapeuten und noch mehr vom Stotterer. Sie ist keine einfache, leichte Art von Behandlung, obwohl sie in vielerlei Hinsicht primitiv und vielleicht die Vorläuferin einer besseren ist. Van Riper behauptet, daß sie mehr Stotterern Erleichterung und eine dauerhafte Sprechflüssigkeit gebracht hat, als jede andere ihm bekannte Methode.

Grundlagen der Therapie

Die Therapie baut auf der Lerntheorie, der Servotheorie und den Prinzipien der Psychotherapie auf. Hinsichtlich des Lernens hilft sie dem Stotterer, seine alten, fehlangepaßten Reaktionen auf die drohenden und erlebten Störungen der Sprechflüssigkeit zu verlernen und an ihrer Stelle neue, adaptivere zu setzen.

Jene Stotterer, die dem Irrlicht der leicht erreichbaren Sprechflüssigkeit von Therapieeinrichtung zu Therapieeinrichtung und von Therapeut zu Therapeut nachgejagt sind, seien arme Teufel. Ihre Hoffnungen wurden durch die erfahrene Möglichkeit des vorübergehenden flüssigen Sprechens und der Verheißung einer schnellen, problemlosen Heilung geweckt, um anschließend auf dem harten Boden der Realität zerschmettert zu werden. Die Van Riper-Methode geht einen neuen Weg.

Zeitplan der Therapie

Nur ein ziemlich intensives Programm scheint eine durchweg günstige Prognose zu bieten. Von einigen Ausnahmen abgesehen ist die Mindestanforderung für die meisten erwachsenen Stotterer je eine Stunde Einzel- und Gruppentherapie an drei Tagen in der Woche und dazu täglich so viel Selbsttherapie, wie in einem Zeitraum von drei oder vier Monaten erreicht werden kann. Viele Therapeuten und Stotterer meinten, daß ein solches Programm zu anspruchsvoll und zu zeitaufwendig sei. Das sind nach Van Riper’s Meinung diejenigen Therapeuten und Stotterer, die dann scheitern. Stottern bei Erwachsenen reagiert nur selten auf eine Scheintherapie. Tatsächlich wissen die meisten schweren Stotterer tief in ihrem Innern, daß große Anstrengungen erforderlich sind.

Phasen der Therapie

1. Motivation, 2. Identifikation, 3. Desensibilisierung, 4. Modifikation, 5. Stabilisierung.

Berücksichtigung individueller Unterschiede

Das Programm ist flexibel genug, um die Behandlung auf die besonderen Fähigkeiten und Bedürfnisse des Patienten zuschneiden zu können.

Stottertherapie als Verlernen und Neulernen

Die lange Geschichte therapeutischen Scheiterns hängt damit zusammen, daß ihre Vorgehensweisen nichts dazu beitragen, die bunte Ansammlung von Vermeidungs- und Fluchtverhalten, aus der die Abnormität des Stotterns hauptsächlich besteht, zu schwächen oder zu lösen.

Der Stotterer braucht nicht zu lernen, ohne Stottern zu Sprechen. Das kann er bereits. Das Hauptproblem besteht darin, eine bessere Art und Weise zu lernen, mit dem Stottern fertig zu werden, wenn es aufzutreten droht oder auftritt. Das ist es, was der Stotterer lernen muß.

Ziele des Lernens und Verlernens

Der größte Teil der Abnormität des Stotterns besteht aus Verhaltensweisen, die Reaktionen auf die Bedrohung durch oder die Erfahrung von Unterbrechungen des kontinuierlichen flüssigen Sprechens sind. Alle die verworrenen Vermeidungs- und Anstrengungsgewohnheiten scheinen eine erlernte Verhaltensweise zu sein, die um diese Unterbrechungen des Sprechflusses herum aufgebaut wurde. Sie wurden im Verlauf vieler Jahre erworben, wurden Bestandteil der Sprache des Stotterers und sind zu Facetten seiner Selbstwahrnehmung geworden. Wenn der Stotterer lernen kann, ziemlich flüssig und mit geringer Abnormität zu stottern, sollte die Schwere und Häufigkeit nachlassen.

Der Stotterer hat jahrelang alles getan, was er konnte, um seine instabile Sprechflüssigkeit zu stützen und nicht zu stottern. Alle seine Tricks, seine Vermeidungs- und Verkleidungsstrategien wurden allein deshalb entwickelt, um ständig den Anschein eines normal sprechenden Menschen zu wahren, und sie wurden dabei zu einer beinahe unerträglichen Last. Auch wenn seine Tricks momentan erfolgreich sind, so empfindet der Stotterer doch eine gewisse Scham darüber, daß er sie anwenden muß.

Die Van Riper-Therapie heilt auch den Riß im Selbstverständnis des Stotterers. Die Rolle eines Menschen, der flüssig sprechen kann, indem er einfach und nicht abnorm stottert, leugnet seine seit langem bekannte Identität als Stotterer nicht. Es ist einfacher, sich selbst als flüssigen Stotterer zu verstehen als zu versuchen, die Rolle eines flüssigen oder unflüssigen Normalsprechers anzunehmen, wenn man seit langem versucht hat, sich für letzteres auszugeben und schließlich doch immer wieder demaskiert wurde.

Der Lernprozeß

Beim erwachsenen Stotterer stellt man fest, daß ein großer Teil seiner Bürde aus emotionalen Reaktionen besteht, die auf eine Reihe von äußeren und inneren Reizen konditioniert sind. Die meisen dieser Reaktionen sind klassisch konditioniert worden. Deswegen wird in der Therapie der Stotterer immer wieder seinen Reizen ausgesetzt und gleichzeitig sichergestellt, daß die konditionierte Reaktion nicht auftritt.

Servotherapie

Einige der Schwierigkeiten, die der Stotterer hat, haben ihren Ursprung in den auditiven Verarbeitungssystemen. Er muß deshalb dazu gebracht werden, sich stärker auf die propriozeptive Rückmeldung zu konzentrieren als auf die auditive Rückmeldung.

Psychotherapie

Die meisten Stotterer scheinen emotional recht normal zu sein, und die Neurose, wenn eine solche vorhanden ist, ist gewöhnlich das Ergebnis traumatischer Sprecherfahrungen. Wenn sie irgendwo eingeordnet werden kann, dann bei den Erwartungsneurosen; sie ist eine sekundäre und keine primäre Neurose. Diese Stotterer waren unglücklich, weil sie stotterten; sie stotterten nicht notwendigerweise deswegen, wei sie früher einmal unglücklich gewesen waren. Träfe letzteres zu, würden die meisten Menschen stottern.

Alle zwischenmenschlichen Beziehungen werden durch das Stottern gefärbt. Um in einer hochgradig kommunikativen Welt zu existieren, sind Stotterer fast gezwungen, Verteidigungsmauern aufzubauen, um sich vor einer Überwältigung zu schützen. Der zufällige Betrachter, aber auch der unerfahrene Sprechtherapeut kann kaum verstehen, wie das Stottern das Leben eines Stotterers beherrscht. Da sie so schlecht sprechen, ergibt sich eine noch größere Belastung daraus, daß schweren Stotterern die verbale Darstellung ihrer Gefühlswelt verwehrt ist.

Van Riper hat keine Form der Psychotherapie gefunden, die für die Mehrzahl der Stotterer geeignet war.

Die Diagnose

Van Riper ist der Auffasung, daß die Diagnose ein fortlaufender Prozeß ist. Bei jeder Sitzung, vom Anfang bis zum Ende der Therapie, muß der Therapeut immer wieder die alte Frage stellen: „Was braucht dieser Mensch jetzt? Warum macht er das, was er macht? Was sagt sein Verhalten über ihn als Person aus? Wo steht er jetzt und wohin muß er als nächstes gehen? Wie kann ich ihm am besten helfen?“

Der Therapeut demonstriert dem Stotterer gegenüber seine analytische Objektivität, er zeigt ihm seine Kompetenz.

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