Integrative Therapie

 

Über Stotterer-Selbsthilfe, seriöse Therapeuten und die Zukunft der "Stotter-Forschung"

Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Wendlandt

von Dr. Thorsten Scherer (Dipl.-Chemiker),
aufgenommen am 01.11.2003 in Bad Münster am Stein während des Fachseminars "Soziale Kompetenz, Selbstsicherheit und In-vivo-Arbeit.

Wolfgang Wendlandt (geb. 1944) ist Diplompsychologe, Gesprächs- und Verhaltenstherapeut und seit 1979 Professor für Pychologie an der Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik Berlin mit Schwerpunkt Therapie. Langjährig ist er zudem in der Fort- und Weiterbildung helfender Berufe sowie als Supervisor und Psycholtherapeut tätig. Wolfgang Wendlandt kann auf eine langjährige Forschungstätigkeit mit zahlreichen Veröffentlichungen im Bereich Kommunikationsstörungen/ Stottern zurückblicken. Er verfügt über eine ebenso langjährige therapeutische Erfahrung mit stotternden Patienten und gilt innerhalb der "Stotter-Szene" als allgemein anerkannte Fachkraft.

 

Herr Wendlandt, können Sie kurz schildern, wann und wie es zur Gründung der ersten deutschen Stotterer-Selbsthilfegruppe in Berlin gekommen ist und welche Rolle Sie dabei gespielt haben?

Ich habe als Student von 1968 – 1971 in der Poliklinik für Stimm- und Sprachkranke der freien Universität Berlin gearbeitet und dabei neben einer Reihe Einzeltherapien auch zwei Gruppentherapien mit sechs bis acht Stotternden durchgeführt. Ich wusste aus der Literatur, dass es viele Rückfälle bei erwachsenden Stotternden gibt. Damals galt in der Fachliteratur: Erwachsene sind therapieresistent. Ich wollte aber die Mühe, die ich hatte, und die Fortschritte der Klienten nicht wieder durch Rückfälle verloren geben müssen. Deshalb habe ich gedacht: Wir müssen dafür sorgen, dass die positiven Erfahrungen im Alltag aufrecht erhalten bleiben. Stottern findet in der Kommunikation statt. Stottern ist ein Problem der Kommunikation. Ich muss dafür sorgen, dass Leute weiter in Kommunikation bleiben und das, was sie an Fähigkeiten erworben haben, auch einsetzen können. In den 60er Jahren haben sich in Deutschland die anonymen Alkoholiker verbreitet. Mir war dieses Konzept sehr einleuchtend, Selbsthilfe der Betroffenen auszubauen. In der Stotter-Literatur gab’s im deutschen Sprachraum noch keine Anregung dazu. Irgendwie lag es auf der Hand, einfach zu sagen: Wir tun uns zusammen. Ja, und so haben ein paar meiner Klienten und ich dann um 1970 herum, nachdem Termine im Radio und in den Zeitungen angekündigt waren, unsere erste öffentliche Sitzung gehabt. Wir haben dem Abend entgegengebibbert und gebangt, wer kommt denn nun. Aus dem hoffnungsvollen „Wir bleiben zusammen und wir machen was füreinander“ und „Wir integrieren andere“, ja aus dieser Idee heraus wurde dieser Abend geboren, und das klappte dann auch. So hat sich dann die Idee weiterentwickelt, sich nicht nur regelmäßig zu treffen, sondern auch für diejenigen da zu sein, die noch nichts von Stottertherapie wussten, noch nichts von Eigenarbeit, Selbsthilfe und Behandlungsmöglichkeiten.

Was hat Sie als Nichtbetroffener an dem Thema Stottern so fasziniert, dass Sie Ihr berufliches Leben dem Studium und der Therapie Stotternder gewidmet haben?

So richtig „nicht-betroffen“ bin ich ja gar nicht. Wenn ich zurückblicke, denke ich, dass natürlich ein Großteil meiner Motivation auch von meiner eigenen Geschichte herrührt. Ich habe als Kind und Jugendlicher bis zum sechszehnten Lebensjahr gestottert und es gab Phasen in meinem Leben (zwischen 12 und 14) wo ich dachte, dass ich das Stottern nie loswerde. Ich habe es als schwere Bürde erlebt und glaubte, wegen meines Stotterns das Abitur nicht schaffen zu können. Die andere Motivation war, dass ich damals als Student gesehen habe, die Stottertherapie in Deutschland steckt noch in den Anfängen. Ich fand eine ganze Reihe von Ideen und Anregungen aus der angloamerikanischen Literatur spannend und wollte, dass davon mehr nach Deutschland kommt. Es war ein großes Interesse, dass meinen Aktivitäten entgegengebracht wurde. Ich glaube, Menschen bleiben bevorzugt bei dem, was auch gefragt ist, was wichtig ist und wo Bestätigung erfolgt.

Habe ich das  richtig verstanden, dass Sie mit dem 16. Lebensjahr ihr Stottern quasi abgelegt haben?

Ich hatte das Gefühl, das Stottern hat keine Bedeutung mehr, es behindert mich nicht mehr. Vorher hat es mein eigenes Denken, meine eigenen Gefühle und meine alltäglichen Handlungsweisen doch sehr beeinträchtigt, gestört. Ja, es waren richtig belastende Symptome.

Seit der Gründung der ersten Stotterer-Selbsthilfegruppen in Deutschland ist inzwischen viel Zeit vergangen. Welchen Einfluss hat die Stotterer-Selbsthilfe seit den 70er Jahren ausüben können?

Es hat sich durch die Stotterer-Selbsthilfe in Deutschland viel Positives getan in der Diskussion um Stottern. Es ist gut, dass es eine Interessenvertretung der Betroffenen gibt und dass die vielen Gruppen, die es gibt, gebündelt sind. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass nur Fachleute alleine öffentliches Bewusstsein wandeln können. Das müssen die Betroffenen selbst tun, und das haben sie beim Stottern in hervorragender Weise getan. Heute ist Stottern ein Problem, das gut therapierbar ist. Das weiß heute jeder. Erwachsene sind nicht mehr „therapieresistent“, wie es früher hieß. In Wirklichkeit waren damals ja die Methodik, die Theorie und die Vorgehensweisen in Deutschland einfach noch nicht angemessen entwickelt und die Therapiekonzepte noch sehr veraltet. In den 60er und 70er Jahren hat man in anderen Ländern schon längst erfolgreiche Erwachsenen-Therapien durchgeführt. Es galt dort als selbstverständlich, dass man Erfolge erzielen kann. Es gehörte schon längst zum Allgemeingut, dass Erwachsene sich vom Stottern befreien können. Das Büchlein „An einen Stotterer“ von Hood hat aus meiner Sicht eine große Bedeutung für die Veränderung des öffentlichen Bewusstseins gehabt. In dem Büchlein schreiben - was sehr ermutigend ist - Stotternde selbst als Autoren und auch als Stottertherapeuten. Die Selbsthilfe hat viel fachliche Anregung für die Profis gebracht, die eigentlich die Experten sein sollten: Die Logopäden, die Sprachheilpädagogen und die Psychologen. Heutzutage spürt man, dass die Therapeuten gegenüber der Selbsthilfebewegung sehr offen sind und auch bereit sind zu lernen aus dem, was da stattfindet.

Mag man den Angaben glauben, dass es in Deutschland 800000 Stotternde gibt, dann sind davon höchstens 0,2 %  Mitglieder in Stotterer-Selbsthilfegruppen. Warum bleiben so viele betroffene Stotternde der Selbsthilfe  fern?

Da gibt’s sicherlich unterschiedliche Hypothesen, das zu erklären. Zu der Gruppe der Stotternden zu gehören und sich dazu öffentlich zu bekennen ist immer noch etwas, was schwierig ist. Stotternder zu sein hat – denke ich – noch immer einen Makel. In diesem Sinne ist es schwierig, in eine Gruppe zu gehen, wenn ich selbst stottere und vorher noch nie zur Selbsthilfe Kontakt hatte; in eine Gruppe, wo sie alle stottern und wo auch ich als Stotternder ständig konfrontiert werde mit all diesem Leid, welches zugleich mein eigenes Leid ist. Mir ist das Stottern selbst peinlich, erst recht also auch das Stottern der anderen. Ich schäme mich, meine eigene Scham kommt hoch. Es ist oft schwer, Klienten die zu mir kommen und sich beraten lassen, den Zugang zur Stotterer-Selbsthilfe zu erleichtern. Sie trauen sich nicht, es gibt eine Hemmschwelle.

Ein besonderes Merkmal der Stotterer-Selbsthilfe ist, dass aus ihren Reihen immer mal wieder selbsternannte "Sprachtherapeuten“ hervorgehen. Was unterscheidet ihrer Ansicht nach einen seriösen Sprachtherapeuten von einem nicht seriösen?

Was unterscheidet einen seriösen Klempner von einen unseriösen? Was unterscheidet einen seriösen Zahnarzt von einen unseriösen? Ein seriöser Therapeut müsste Therapeut sein. Was ist ein Therapeut? Ein Therapeut ist kein Klempner und auch kein Zahnarzt. Ein Therapeut ist ein Mensch, der Fähigkeiten hat, sein Gegenüber, die Person, die Einzigartigkeit der Person zu erkennen, das Gewordensein seines Stotterns in einer Familie, in einer längeren Geschichte gut analysieren zu können. Ein Therapeut ist kein Lehrer, der ein Programm hat und seinen Lehrplan erfüllt. Ein Therapeut ist kein Trainer, der vorgegebene Trainingsabläufe „einbläut“. Ein Therapeut ist jemand, der sehr wohl weiß, was die einzelne Person braucht und wo er bei dieser Person ansetzen muss, damit Veränderungen in Gang kommen. Ein Therapeut nimmt es ernst, dass die Person in ihrer Individualität individuelle Hilfen braucht.

Drei große Forschungsbereiche beschäftigen sich heute mit dem Thema Stottern: Die Sprachheilpädagogik, die Psychologie und natürlich nicht zu vergessen die Medizin in Form der Gehirnforschung. Wäre es für die Zukunft der Stotter-Forschung nicht erstrebenswert, eine interdisziplinäre Fusion dieser Wissenschaften in einer Art anzustreben, wie dies z.B. in den Naturwissenschaften Physik, Chemie und Biologie  heute schon längst der Fall ist?

Das wäre ganz toll, wenn wir das schaffen würden. Wenn wir die Leute, die am Stottern interessiert sind, die Forscher, die Wissenschaftler, die Therapeuten und die Ausbilder an einem Tisch bekämen. Vor langer Zeit gab es einmal so eine Initiative, alle am Stottern Interessierten in der IVS zu vereinigen. Diese Vereinsgründung hat stattgefunden. Da sind wenig Vertreter aus der Forschung vertreten, stattdessen mehr Berufspraktiker. Das ist auch gut so. Aber es gibt eben noch keine Lobby für die Betroffenen und man müsste schauen, wo wird Forschung bezahlt, wer zahlt Forschung zum Thema Stottern. Man müsste gucken, wer entwickelt Therapieprogramme, Evaluationsprogramme. Wir sind noch weit davon entfernt, aber es ist ein wichtiges Ziel, dorthin zu kommen.

In welchen Disziplinen liegt ihrer Meinung nach – solange interdisziplinäre Verbindungen nur ansatzweise vorliegen - die Zukunft der Stotter-Forschung? In der Sprachheilpädagogik? In der Psychologie? Oder in der Gehirnforschung?

Ich glaube, man schielt immer dahin, wo neue Forschungsergebnisse sich andeuten und zurzeit deuten sich neue Forschungsergebnisse im Bereich der Hirnforschung an. Das ist sehr spannend, weil wir aus diesem Bereich bisher so wenig handfeste Daten hatten, an denen wir uns orientieren konnten. Interessant wäre es, Forschungsergebnisse zu bekommen, aus denen wir konkrete Konzepte für Behandlungsplanung und Behandlungsdurchführung ableiten können. Noch gibt es das nicht. Wir besitzen vereinzelte Erkenntnisse aus dem psychologischen, aus dem physiologischen aus dem hirnorganischen Sektor und aus der Familiendynamik. Aber wir haben noch keine übergreifenden Konzeptionen, was aus diesen Forschungserkenntnissen dann für konkrete Schritte abzuleiten wären. Heute macht man eine Breitbandtherapie. Man versucht unterschiedliche Methoden einzusetzen, um allen Betroffenen gerecht werden zu können. Man müsste eine spezifische Indikation haben für bestimmte Teilgruppen von Stotternden, man müsste die Gesamtgruppe der Stotternden untersuchen und eigentlich noch einmal genauer aufteilen. Für wen ist welche Methode geeignet? Vielleicht müssen wir nicht alle Maßnahmen aus dem Breitbandspektrum für alle Stotternden anbieten. Ich merke ja immer wieder, manche Klienten kommen durchaus mit einigen wenigen Verfahren aus: Angstabbau führt bei vielen zu massiven Symptomreduktionen. Bei anderen ist es ganz wichtig, eine Verbesserung der Selbstwahrnehmung, der Wahrnehmung und der Steuerung der am Sprechen beteiligten Muskeln und des Atemablaufes herzustellen. Für die reicht das aus, da ist eine Angstbehandlung gar nicht so wichtig. Das sind Beispiele, wie man mit gezielter Indikation gezielte Arbeit machen könnte. Davon sind wir im Moment allerdings noch weit entfernt.

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